Architektourist

Der Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur - von und mit Alexandra Busch.

#78 Bauwerk.Stimme – Ein Fuchs über Berlin

Der Dachgarten des AERA in Charlottenburg

09.06.2026 15 min

Zusammenfassung & Show Notes

Auf dem Bürogebäude AERA in Berlin-Charlottenburg liegt ein Garten, der sich wie eine zweite Stadtebene über das Haus legt. Rund 2.200 Quadratmeter Dachfläche wurden hier als kaskadenförmiger, begehbarer Dachgarten gestaltet: mit Bäumen, Stauden, Gräsern, Wegen, Sitzplätzen und Blicken über die Mierendorff-Insel. In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von meinem Besuch auf dem AERA im Rahmen einer Pressereise zum Thema Schwammstadt. Der Dachgarten zeigt, wie Gebäudebegrünung zur räumlichen, technischen und atmosphärischen Strategie werden kann: Regenwasser wird gespeichert, Pflanzen verschatten und kühlen, das Dach wird zum Aufenthaltsort, zum Pausenraum und zum kleinen urbanen Ökosystem in luftiger Höhe.

Und dann ist da noch diese Geschichte vom Fuchs, der die Stufen hinaufgelaufen sein soll und sich oben auf dem Dachgarten ein neues Revier gesucht hat. Für mich wurde er zum stärksten Bild dieser Folge: ein Wildtier über Berlin, inmitten eines künstlich angelegten Gartens. Die Folge ergänzt meine Mini-Serie zur Gebäudebegrünung um die Stadtebene: nach der grundsätzlichen Bau.Pause #76 und der begrünten Fassade in Karlsruhe in Bauwerk.Stimme #77.

Weitere Links:
AERA Berlin
Bauwens Development
Grüntuch Ernst Architekten
capattistaubach Urbane Landschaften
Optigrün international AG
Bundesverband GebäudeGrün e.V.

Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT

Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.

Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.

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Transkript

Du hörst Bauwerkstimme, ein Format von Architektourist. Ein Fuchs über Berlin, der Dachgarten des ERA in Charlottenburg. Vor kurzem ging es bei Architektourist um Gebäudebegrünung. Zuerst in meiner Baupause, da habe ich darüber nachgedacht, warum Grün am Gebäude früher in die Planung gehört. Dorthin, wo über Wasser, Statik, Kosten und Nutzung gesprochen wird. Dann führte die Reise nach Karlsruhe zu einem Wohn- und Werkstatthaus, dessen Fassade wirkt, als hätte sich ein Stück Waldrand an die Wand gelegt. Heute geht der Blick nach Berlin, auf die Mierendorffinsel, zu einem Bürogebäude, das auf den ersten Blick ganz vertraut wirkt. Moderne Fassade, große Fenster, Büros, Foyer, ein Neubau, wie man ihn in vielen wachsenden Stadtquartieren finden könnte. Doch dann beginnt der eigentliche Weg. Man steigt hinauf, Stufe für Stufe, die Straße bleibt unter einem zurück. Die Stadt wird leiser, der Himmel weiter. Zwischen Glas-, Beton- und Fassadenlinien tauchen plötzlich Gräser auf. Stauden, Sträucher, Bäume, Wege, Sitzplätze. Ein Dach, das sich nicht wie der obere Abschluss eines Gebäudes anfühlt, sondern wie ein Stück angehobene Stadtlandschaft. Auf dem Bürogebäude AERA liegt ein Garten. Es ist ein Ort, der mich bei meinem Besuch auf einer Pressereise zum Thema Schwammstadt ehrlich berührt hat, weil da oben auf diesem Bürohaus plötzlich eine Ruhe entfaltet, mit der ich nicht gerechnet hatte. Und dann gibt es diese Geschichte. Auf dem Dachgarten soll sich ein Fuchs niedergelassen haben. Ein echter Fuchs. Er ist die vielen Stufen an der Fassade hinaufgelaufen und hat sich oben eingerichtet. Ausgerechnet in der Parkgarage des Mähroboters. Ein Fuchs über Berlin. Vielleicht ist das die schönste und zugleich merkwürdigste Beschreibung für das, was Gebäudebegrünung leisten kann. Hier beginnt unsere heutige Geschichte. Kapitel 1 – Der Garten über der Stadt, AERA liegt in Berlin-Charlottenburg auf der Mierendorff-Insel. Die Spree ist nicht weit, ebenso der Westhafenkanal. Die Umgebung erzählt von Gewerbe, Verkehr, Wasser, ehemaliger Industrie und neuen Entwicklungen. Ein Stadtraum im Umbau. Das Gebäude wurde von GGrüntuch Ernst Architekten geplant. Die Landschaftsarchitektur stammt von capattistaubach. Bauherr war Bauwens Development. Auf 12.000 Quadratmetern Bürofläche sollen bis zu 1.000 Arbeitsplätze entstehen. Das klingt zunächst nach Bautafeln, nach Daten, aber dann steigt man hinauf. Und die Wahrnehmung verschiebt sich. Der Garten zieht sich treppenförmig an der Fassade entlang bis aufs Dach. Man bewegt sich nicht einfach auf eine Terrasse mit ein paar Pflanzkübeln hinaus. Man betritt eine kleine Topografie. Stufen, Podeste, Wege, Beete, Holzdecks. Helle sandfarbene Belege schlängeln sich zwischen Pflanzflächen hindurch. Cortenstahl fasst die Beete ein. Schwarze Geländer und feine Netze lassen den Blick weiter wandern, hinaus über die Dächer. Rund 2200 Quadratmeter, kaskadenförmig angelegt. Etwa 30 Bäume, Kiefern, Eichen, Ahorn, Wildkirschen, manche bis zu 12 Meter hoch. Dazu mehr als 25 Pflanzenarten, Stauden, Gräser, eine kleine Rasenfläche. An manchen Stellen öffnet sich der Raum wie eine Lichtung. Blätter spannen sich wie ein grüner Rahmen vor den Himmel. Ihre Schatten fallen auf Wege und Holzflächen, flirren über den Boden, wandern mit dem Wind. Man steht unter einer Eiche und sieht zugleich Berlin darunter liegen. Baumkrone über dem Kopf statt unter den Füßen. Diese Gleichzeitigkeit ist eigenartig schön. Dann wieder wird der Garten schmaler. Man geht an Stauden entlang, an gelben Blüten, violetten Blütenständen, langen Grashalmen, silbrigem Laub, dunklem Splitt. Manche Pflanzen wachsen dicht bis an den Weg. Andere stehen auf kleinen Hügeln um die Baumstämme herum, fast wie Inseln. Zwischen ihnen tauchen Leuchten auf, Sitzbänke, technische Aufbauten, Lüftungshauben, Dachfenster. Die Dachwirklichkeit verschwindet nicht, sie bleibt da, aber sie wird eingebettet, fast ein wenig gezähmt. Ich erinnere mich an dieses Gefühl dort oben noch sehr genau. Es war nicht das Spektakel eines Aussichtspunktes, eher ein langsames Ankommen. Pflanzen vor Himmel, Blätter im Wind, Holz unter den Füßen, ein Stück Grün, das sich über das Gebäude legt. Natürlich weiß man, dass dieser Ort geplant, gebaut, berechnet und bewirtschaftet ist. Und trotzdem wirkt er für einen Moment fast selbstverständlich. Als hätte Berlin dort oben einfach eine zweite Ebene bekommen. Kapitel 2 – Was unter dem Grün arbeitet, Klar, es wäre zu einfach, nur vom schönen Dachgarten zu erzählen. Denn das, was man sieht, ist das Ergebnis von etwas, das man nicht sieht. Unter den Wegen, unter den Beeten, unter den Baumwurzeln liegt ein Aufbau, der stellenweise 1,5 Meter dick ist. Substrat, Drainageschichten, Wurzelschutz, Speicherelemente. Schicht für Schicht, bevor überhaupt ein Baum gepflanzt werden konnte. Wer das nicht weiß, läuft einfach darüber. Wer es weiß, spürt beim nächsten Schritt, wie viel Planung unter dem Fuß liegt. Das AERA besitzt eine Intensivbegrünung. Das bedeutet, keine niedrigen Sedummatten, die mit minimaler Aufbauhöhe auskommen, sondern Bäume, die Wurzelraum brauchen. Halt, Wasser, Raum zum Wachsen. Ein Baum mit zwölf Metern Höhe exponiert den Wind mit begrenztem Bodenvolumen. Das ist kein Selbstläufer. Er muss getragen, versorgt, beobachtet werden. Wenn es regnet, verschwindet das Wasser nicht einfach. Es wird in Retentionsboxen im Dachaufbau zurückgehalten, gespeichert. Verteilt. Die Pflanzen zapfen diesen Vorrat an, wenn die Sonne die Oberfläche austrocknet. Ein automatisiertes Bewässerungssystem hilft nach, wenn es zu lange nicht geregnet hat. Man merkt das nicht, wenn man durch den Garten läuft. Man merkt nur, dass die Pflanzen stehen, dass die Eiche Schatten wirft, dass die Stauden nicht verbrannt aussehen. Das ist Schwammstadt. Nicht als Konzeptgrafik, sondern als gelebte Schicht unter den Füßen. Die Technik zeigt sich nicht. Sie hält den Ort am Leben. Das verbindet AERA mit der begrünten Fassade in Karlsruhe. Auch dort sammeln zuerst Blätter, Blüten, Schwalben. Dahinter erarbeiteten Zisterne, Tropfbewässerung, Sensorik. Der Maßstab ist hier in Berlin größer, die Konstruktion komplexer, Aber die Frage bleibt dieselbe. Wie viel Präzision braucht ein lebendiger Ort, damit er nicht nur auf Fotos funktioniert? Kapitel 3 Ein Dach als Stadtbaustein. AERA ist ein fotogenes Projekt. Ein Bürohaus mit Bäumen auf dem Dach, das sieht sofort nach Zukunft aus. Und genau hier muss man kurz innehalten, Denn Gebäudebegrünung wird in der Architekturkommunikation schnell zum Bild, das für sich selbst spricht. Ein bisschen grün an der richtigen Stelle und schon wirkt ein Projekt weicher, verantwortungsvoller, zeitgemäßer. Mich interessiert aber die Frage dahinter, entsteht daraus ein Ort oder nur ein Motiv? Beim AERA hatte ich den Eindruck, ein Ort, weil man sich dort bewegen kann. Weil der Garten nicht von einer Glasscheibe aus betrachtet wird, sondern begangen, gerochen, gehört wird. Wind, Blätter, Vogelstimmen, Straßenlärm von weit unten. Weil jemand auf einer Holzbank sitzt und Mittagspause macht, während über ihm eine Eiche rauscht. Das Dach ist kein technischer Abschluss mehr, es ist Freiraum. Und damit stellt sich sofort die nächste Frage. Freiraum für wen? Solche Projekte bewegen sich immer zwischen privater Immobilie und öffentlicher Wirkung. AERA ist kein Stadtpark, es bleibt ein Bürogebäude. Der Dachgarten gehört zu einem entwickelten, gebauten, bewirtschafteten Objekt. Gleichzeitig wirkt er in den Stadtraum hinein. Er hat Einfluss auf das Mikroklima, schafft Lebensraum, hält Wasser zurück und bietet Aufenthaltsqualität. Das macht ihn interessant und auch ein bisschen widersprüchlich, denn dieser Garten kann keinen alten Baum im gewachsenen Boden ersetzen. Er kann keine versiegelte Stadt heilen. Aber er zeigt, was möglich wird, wenn ein Dach nicht länger als tote Fläche behandelt wird. Und das ist keine Kleinigkeit. In dichten Städten liegen tausende solcher Flächen brach. Sie könnten Wasser halten, Schatten spenden, Tiere anziehen, Menschen aufnehmen. AERA ist eine privilegierte, aufwendige Version dieser Idee. Kein Modell, das sich eins zu eins auf jede Schule oder jedes Wohnhaus übertragen lässt. Aber es macht etwas sichtbar, das über den eigenen Standort hinausreicht. Dass ein Dach mehr sein kann als der obere Rand eines Gebäudes. Ich komme noch einmal zurück zu dem Fuchs. Natürlich kann man diese Geschichte leicht romantisieren. Ein Fuchs auf dem Dach, das klingt ja fast so schön, wie ein Kinderbuch aus der Schwammstadt. Aber vielleicht bleibt die Geschichte gerade deshalb so stark. Weil der Fuchs etwas erzählt, das keine Zertifizierung und keine Projektbroschüre so erzählen kann. Er erzählt von Aneignung, von Anpassung, von einem künstlich geschaffenen Ort, der offenbar genug Schutz, Struktur und Ruhe bietet, damit ein Tier ihn als Revier annimmt. Das heißt natürlich nicht, dass jedes begrünte Dach gleich ein funktionierendes Ökosystem ist. Aber es zeigt, dass gebaute Strukturen lebendiger werden können, wenn wir sie anders denken. Hier verdichten sich viele Fragen, die Gebäudebegrünung in Zukunft begleiten werden. Wie früh muss sie geplant werden? Wer pflegt sie? Wer nutzt sie? Wie viel Wasser hält sie zurück? Welche Pflanzen überstehen Hitze, Wind und Trockenheit? Wie öffentlich kann ein grüner Raum auf einem privaten Gebäude sein? Und welche Rolle spielt Schönheit, wenn wir über Klimaanpassung sprechen? Ich glaube, eine große Denn Menschen kämpfen selten für technische Systeme allein Sie kämpfen für Orte, die sie berühren Für Schatten an heißen Tagen Für Luft, die anders riecht Für einen Hof, in dem Schwalben brüten Für eine Fassade, aus der Walderdbeeren wachsen Für einen Dachgarten, auf dem man plötzlich vergisst, dass man eben noch zwischen Verkehr, Büros und Berliner Alltag unterwegs war glaube, eine Große. Hier schließt sich für mich der Kreis zu dieser kleinen Gebäudegrün-Serie in meinem Podcast. Die Baupause Nummer 76 stellte die Grundsatzfrage, wie kommt Gebäudebegrünung aus der Ecke des netten Zusatzes heraus und hinein in Baupraxis, Betrieb, Kostenplanung und Immobilienstrategie. In Folge 77 ging es um eine Fassade, die im Alltag eines Hauses verwurzelt ist. Ein privater Hof, eine persönliche Vision, viel Pflege und ein grüner Waldrand an der Wand. Und bei AERA geht es nun um die Stadtebene, um ein Dach, das Wasser hält, Hitze mildert, Bäume trägt, Ausblicke öffnet und einem Fuchs offenbar genug Ruhe bietet, um dort oben zu bleiben. Das sind unterschiedliche Maßstäbe, aber sie erzählen gemeinsam etwas sehr Einfaches. Gebäudegrün wird dann interessant, wenn es mit dem Haus verbunden ist mit seiner Konstruktion, mit seiner Nutzung mit den Menschen, die dort arbeiten, wohnen, vorbeikommen oder pausieren und mit allem, was wächst, fliegt, summt, Schatten sucht oder eines Tages die Treppe hinaufläuft, Das war eine weitere Folge von Bauwerkstimme, dem erzählten Kurzformat von Architektourist. Der Dachgarten des AERA ist begehbar und öffentlich zugänglich. Soweit ich es verstanden habe, über das Gebäude bzw. nach Anmeldung vor Ort. Aber am besten vorher noch einmal aktuell prüfen. Wenn Dir diese Folge gefallen hat, empfiehlt sie gerne weiter oder hinterlasse eine Bewertung bei Spotify oder Apple Podcasts. Ich bin Alexandra Busch und danke Dir fürs Zuhören. Bis zur nächsten Folge von Architektourist.

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