Architektourist

Der Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur - von und mit Alexandra Busch.

#85 Zwei Orte, mehrere Zukünfte – Andrea Gebhard über Architekturwettbewerbe

Was können Wettbewerbe für Bauherrschaften, Kommunen und Immobilienwirtschaft leisten?

29.09.2026 29 min

Zusammenfassung & Show Notes

Ein leerstehendes Kaufhaus in der Innenstadt. Die Rolltreppen stehen still, hinter den Schaufenstern liegt Staub. Früher gehörte dieses Gebäude zum Alltag vieler Menschen. Heute steht es da und stellt eine Frage: Was kann hier wieder entstehen? Dann ist da noch eine Wiese am Rand eines bestehenden Quartiers. Noch wächst dort Gras, noch gibt es keine Klingelschilder, keine Fahrräder vor dem Eingang, keine Kinderstimmen im Hof. Aber in den ersten Projektunterlagen stehen längst Zahlen: Wohnungen, Quadratmeter, Stellplätze, Geschosse, Baukosten. Zwei erfundene Orte, aber sehr reale Situationen. In vielen Städten suchen große Bestandsgebäude eine neue Rolle. Gleichzeitig sollen dringend Wohnungen entstehen: schnell, bezahlbar, klimagerecht und mit Qualität für viele Jahrzehnte. An solchen Punkten wird entschieden, wie Stadt weitergebaut wird.

Für diese Folge habe ich mit Andrea Gebhard gesprochen. Sie ist Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin, leitet in München das Büro mahl gebhard konzepte und ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Mit Architekturwettbewerben kennt sie sich aus vielen Perspektiven aus: als Planerin, Preisrichterin, Juryvorsitzende und als berufspolitische Stimme der Architektenschaft. Sie erklärt, warum eine gute Auslobung so wichtig ist, welche Rolle Bauherrschaften im Preisgericht spielen und weshalb eine Jury nicht automatisch Kontrollverlust bedeutet. Sie erzählt von einer Wettbewerbsarbeit, die fast ausgeschieden wäre und am Ende den ersten Preis gewann. Und sie spricht darüber, wie viel Zeit, Wissen und Herzblut in Entwürfen steckt, von denen am Ende nur einer realisiert werden kann.

Die Folge erscheint im Vorfeld der Expo Real. Dort wird viel über Grundstücke, Renditen, ESG-Ziele, Bestand, Wohnungsbau, Finanzierung und Transformation gesprochen. Diese Episode stellt dazu eine einfache, aber grundlegende Frage: Was machen wir aus diesem Ort?

Expertin in dieser Episode:
Andrea Gebhard – Landschaftsarchitektin, Stadtplanerin, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer

Links zur Folge:
Bundesarchitektenkammer
Andrea Gebhard bei der Bundesarchitektenkammer
mahl gebhard konzepte
Wettbewerbswesen bei der Bundesarchitektenkammer
Expo Real

Coverbild: KI-generiert

Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.

Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.

Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.

Transkript

Willkommen bei Architektourist, dem Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur. Heute erzähle ich von zwei Orten. Der eine ist ein leerstehendes Kaufhaus, mit Rolltreppen, die niemand mehr benutzt, mit großen Schaufenstern, hinter denen nur noch Staub liegt, mit einer Fassade, die früher einmal zum Stadtleben gehörte und heute vor allem fragt, was kann hier wieder entstehen? Der andere Ort ist eine Wiese am Rand eines bestehenden Quartiers. Noch wächst dort Gras. Noch gibt es keinen Hausflur, keine Klingelschilder, keinen Innenhof. Aber in den ersten Projektunterlagen stehen schon Zahlen. Wohnungen, Quadratmeter, Stellplätze, Geschosse, Baukosten. Zwei Orte, an denen gebaut werden soll. Und zwei Situationen, in denen sehr viel gleichzeitig gelöst werden muss. Wohnraum, Klima, Bestand, Mobilität, Freiraum, Kosten, Akzeptanz. Irgendwann steht deshalb eine Frage im Raum. Wer entscheidet eigentlich, welche Lösung diesem Ort gerecht wird? In dieser Folge geht es um Architekturwettbewerbe. Viele denken dabei zuerst an zusätzlichen Aufwand, An ein Verfahren, das Zeit kostet, Geld bindet und andere Stimmen an den Tisch holt. An eine Jury, die mitredet. An Büros, die Entwürfe einreichen. An Ergebnisse, die überraschen und damit auch verunsichern können. Genau deshalb interessiert mich dieses Thema. Denn ein Wettbewerb kann ein Projekt an einer entscheidenden Stelle öffnen. Bevor zu viel festgelegt ist. Bevor die bequemste Lösung zur wahrscheinlichsten wird. Und bevor ein Standort für Jahrzehnte auf eine einzige Idee verengt wird. Wann wird aus einem Grundstück ein Projekt? Und wann aus einem Projekt ein Stück Stadt, das mit Wohnungsnot, Klimaanpassung, CO2-Reduktion, Umbaukultur und sozialem Alltag umgehen muss? Darüber habe ich mit Andrea Gebhard gesprochen. Sie ist Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin, leitet in München das Büro Mahl-Gebhard-Konzepte und sie ist Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Mit Architekturwettbewerben hat sie auf mehreren Ebenen zu tun. Berufspolitisch, als Preisrichterin, als Jury-Vorsitzende und als Planerin, die mit dem eigenen Büro selbst an Wettbewerben teilnimmt. Und weil diese Folge im Vorfeld der Immobilienmesse Expo Real erscheint, interessiert mich vor allem der Blick auf diejenigen, die Grundstücke entwickeln, Gebäude beauftragen, Wohnraum schaffen oder große Bestände transformieren. Für Sie kann der Architekturwettbewerb ein Werkzeug sein, um früher besser zu entscheiden, was an einem Ort gebaut wird, wie es genutzt wird, und ob es auch in 20, 50 oder 100 Jahren noch funktioniert. Wir stehen gedanklich vor diesem Kaufhaus in der Innenstadt. Kein glänzender Konsumtempel mehr. Eher ein Gebäude, das aus der Zeit gefallen ist. Die großen Schaufenster sind teilweise beklebt, an manchen Stellen sieht man noch die Spuren alter Beschriftungen. Drinnen liegt Staub auf den Böden. Die Rolltreppen stehen still, ein paar Deckenleuchten hängen noch da, als hätten sie nur auf den nächsten Öffnungstag gewartet. Aber dieser Tag kommt nicht mehr. Viele Menschen sind jahrelang hier vorbeigelaufen. Einige haben dort ihre erste Winterjacke gekauft, andere Schulhefte, Kochtöpfe, Bettwäsche oder Geschenke, die sie auf dem Heimweg noch schnell besorgt haben. Jetzt ist das Haus leer. Und dann kommt ein Investor. Er sieht Fläche, Potenzial, vielleicht Wohnungen, vielleicht Büros, vielleicht ein Hotel, vielleicht Handel im Erdgeschoss und darüber etwas ganz anderes. In seinem Kopf entsteht schnell ein Bild. So könnte es gehen. So könnte man es rechnen. So könnte man starten. Doch dieses Gebäude steht nicht irgendwo. Es steht mitten in der Stadt. Seine Fassade spricht in den Straßenraum. Seine Eingänge entscheiden mit darüber, ob hier wieder Leben entsteht. Das Erdgeschoss kann verschlossen bleiben oder eine neue Adresse werden. Die oberen Geschosse können bloß verwertet werden. Oder einen Beitrag leisten zu Wohnen, Arbeiten, Nutzungsmischung und Innenstadtentwicklung. Damit verschiebt sich die Aufgabe. Aus einer privaten Investition wird ein Projekt, das weit über die Grundstücksgrenze hinauswirkt. Es geht um Vermietbarkeit, natürlich, aber auch um den Straßenraum, um Stadtleben, um Bestand, um Akzeptanz und um die Frage, welche Lösung diesem Ort gerecht wird. Hier kann ein Architekturwettbewerb den Blick öffnen. Nicht als fertige Antwort, sondern als Möglichkeit, verschiedene Ansätze nebeneinander zu legen. Was passiert, wenn mehrere Büros auf dasselbe Haus schauen? Wenn sie dieselben Zwänge ernst nehmen und trotzdem andere Wege finden? Andrea Gebhard sieht darin einen der großen Vorteile solcher Verfahren. Als privater Bauherr kann man ja verschiedene Verfahren wählen. Man kann ja auch ein Werkstattverfahren machen, in dem ich sage, einen Teil des Vorentwurfs bezahle ich den Kolleginnen und Kollegen, die mitmachen, seien es fünf, sechs, drei, drei, je nachdem, wie viel man da einlädt, um dann eben zu sehen, was wäre für mein Grundstück die richtige Herangehensweise. Und da, denke ich, ist es schon dieser Mehrwert, der dadurch entsteht, dass man verschiedene Herangehensweisen sieht und verschiedene Ideen da mit einem zur Verfügung gestellt werden, der ist enorm. Ich baue ja einen Teil Umwelt, der Menschheit sozusagen, wenn ich etwas baue. Und es muss ja so sein, dass es für denjenigen, der es nutzt, optimal ist, aber auch für die Stadt, für das Quartier oder, oder, oder optimal ist. Und da kriege ich es natürlich sehr gut zusammen. Und was natürlich auch gut ist, dass wenn aus der politischen Öffentlichkeit Mitglieder in der Jury sind, der Bezirksausschuss ETC, dann habe ich natürlich auch sehr viel schon gewonnen, dass diejenigen dann sehen, um was es geht. Dass die dann mit Teil der Jury sind und das damit natürlich auch ganz anders nach außen verteidigen, als wenn sie es plötzlich serviert bekommen. Für unser Kaufhaus heißt das, die erste Idee des Investors ist nicht mehr allein im Raum. Neben ihr entstehen andere Lesarten dieses Gebäudes. Vielleicht zeigt ein Büro, wie die alte Warenhausfront wieder zur Adresse werden kann. Ein anderes entdeckt im tiefen Grundriss eine Möglichkeit für Licht, die vorher niemand ernsthaft geprüft hatte. Ein weiterer Entwurf arbeitet behutsamer mit dem Bestand und holt gerade daraus seine Stärke. Solche Vorschläge entstehen selten, wenn der Weg schon zu Beginn festgelegt ist. Im Wettbewerb bekommt das Projekt einen Moment, in dem es noch beweglich bleibt. Und noch etwas verändert sich. Wenn Menschen aus Politik, Verwaltung oder späterer Nutzung früh mit am Tisch sitzen, sehen sie die Entscheidung nicht erst als fertiges Ergebnis. Sie erleben, welche Möglichkeiten geprüft wurden, welche Konflikte auftauchen, und warum am Ende eine Lösung mehr überzeugt als eine andere. Aus einem privaten Bauvorhaben wird dadurch kein öffentliches Projekt, aber es wird nachvollziehbarer. Damit solche Entwürfe überhaupt entstehen können, braucht es allerdings etwas, das im Projektalltag oft unterschätzt wird. Eine gut gestellte Aufgabe. Beim Kaufhaus heißt das, noch keine Renderings, keine Modelle, keine Fassadenbilder. Zuerst entsteht ein Papier. Eine Auslobung. Das klingt nach Formalie, tatsächlich aber wird hier schon viel entschieden. In der Auslobung steht, was gesetzt ist und wo die Büros freidenken dürfen. Welche Nutzungen werden gebraucht? Welche Teile des Bestands sollen erhalten bleiben? Welche Rolle spielen CO2, Energie, Freiraum, soziale Mischung und Wirtschaftlichkeit? Und was davon ist Wunsch, was ist harte Vorgabe? Eine gute Auslobung muss beides können. Orientierung geben und Spielraum lassen. Sie macht die Entwürfe vergleichbar, ohne die Antwort vorwegzunehmen. Andrea Gebhard nennt diesen Moment die Phase Null. Das Wichtigste bei so einem Wettbewerb ist erstmal die Auslobung. Dass man sich überlegt, was will ich eigentlich? Vielleicht auch schon Testentwürfe macht und schaut, was geht eigentlich auf diesem Grundstück, in diesem Quartier, in diesem Stadtteil. Was kann man sich da vorstellen? Dass man das einfach mal prüft und sagt, das und das wären die Möglichkeiten. Aus diesen Möglichkeiten dann eben diese Wettbewerbsaufgabe formuliert. Und das ist natürlich das Tolle daran. Da muss ich mir als Bauer auch schon sehr viele Gedanken machen. Das ist eigentlich die Phase Null, nämlich die Vorphase, bevor ich anfange zu planen. Und da hat natürlich der Wettbewerb ein riesen Pré, dass man sich eben diese Gedanken genau macht. Und dann geht es ja darum, diese Auslobung zu machen, überlegen, was für ein Wettbewerb ist es, wie viele sollen mitmachen, nach welchen Kriterien werden die Büros ausgewählt oder ist es ein offenes Verfahren, das kann jeder mitmachen. Es gibt dann eine Preisrichtervorbesprechung, in der die Preisrichterinnen und Preisrichter nochmal über diese Wettbewerbsaufgabe gehen, die dann auch miteinander besprechen und danach dann eben sagen, das könnte der Auslobungstext sein. Und danach gibt es dann das Kolloquium mit den Teilnehmenden und da können die dann nochmal Fragen stellen. Und dann das Protokoll dieses Kolloquiums gehört dann mit zum Auslobungstext, sodass das dann auch mit in die Bearbeitung kommt. Und dann werden ja nach einigen Wochen, Monaten, je nachdem, die Arbeiten abgegeben. Sie werden dann geprüft und diese Vorprüfung stellt dann der Jury, die an einem bestimmten Tag zusammenkommt, die Arbeiten vor. Und das Besondere ist natürlich dann, dass diese Arbeiten werden erstmal objektiv vorgestellt. Also so und so hoch, so und so viel Quadratmeter, so und so viel Grünfläche, so und so viel entwickelte Fläche, etc. Also alles Mögliche. Und danach gehen dann die Fachpreisrichter, fangen dann an, die Arbeiten zu bewerten. Und da entsteht dann die Diskussion, ist diese Arbeit der richtige Ansatz? Könnte der Ansatz anders sein? Musste er noch einmal überprüft werden? Also dann geht man so durch und überlegt, welche der Arbeiten bietet etwas und die werden dann immer weitergenommen. Also man stimmt dann ab, welche Arbeiten rauskommen. Also man trennt sich von Arbeiten, um dann am Ende in der engen Wahl zu sein und zu wissen, was sind die Arbeiten, die aus der Sicht der Jury die richtigen Antworten geben. Und diese Arbeiten werden dann schriftlich beurteilt und dann wird es eben verlesen und dann sagt die Jury, welches der Arbeiten ist die richtige Herangehensweise und da wird dann abgestimmt mit Mehrheiten, wer die Preise bekommt. Nach dieser Phase 0 wird aus der ersten Projektidee eine verbindliche Aufgabe. Beim Kaufhaus steht nun fest, woran die Büros arbeiten sollen, welche Ziele gelten, welche Grenzen gesetzt sind, welche Grundlagen sie bekommen, welche Leistungen sie abgeben müssen und woran ihre Vorschläge später gemessen werden. Dann beginnt die Bearbeitung. Die Büros arbeiten in ihren eigenen Räumen, über Bestandsplänen, Luftbilder, Raumprogrammen, Fotos und Kennwerten. Sie skizzieren, verwerfen, rechnen, prüfen, diskutieren. Und erst einmal entstehen ganz unabhängige Antworten. Niemand steht daneben und lenkt den Entwurf zurück zur ersten Idee. Genau das ist wichtig. Einige Wochen oder Monate später liegen die Arbeiten vor. Jetzt wird sichtbar, was ein Wettbewerb leisten kann. Die Bauherrschaft steht nicht vor einer einzelnen Planung, die Schritt für Schritt weiterentwickelt wurde. Sie steht vor einem Vergleich. Vor Vorschlägen, die alle auf dieselbe Auslobung reagieren und trotzdem ganz unterschiedliche Wege zeigen. Damit rückt eine neue Sorge in den Raum. Wer sortiert das jetzt? Wer erkennt, welcher Ansatz trägt? Wer achtet auf Gestaltung, Wirtschaftlichkeit, Nutzung, Stadt, Freiraum und Umsetzbarkeit? Und welche Rolle spielt die Bauherrschaft selbst, wenn eine Jury über die Arbeiten berät? Andrea Gebhard beschreibt dieses Preisgericht als gemischtes Gremium mit Fachleuten, die die planerische Qualität beurteilen und mit Sachpreisrichterinnen und Sachpreisrichtern, die das Projekt nutzen, vertreten oder verantworten. Der Wettbewerb hat den großen Vorteil, dass es eine Jury gibt aus Fachjurorinnen und Juroren, die sich die Arbeiten anschauen. Aber genauso sind ja auch Sachpreisrichterinnen und Sachpreisrichter mit dabei, also die zukünftigen Nutzer, sei es die Gemeinde. das heißt das Krankenhaus, das heißt die Schule etc. Also es ist immer eine Mischung aus denjenigen, die nutzen und aus denjenigen, die aus der Qualität der städtebaulichen, der architektonischen, der landschaftsarchitektonischen, innenarchitektonischen Qualität des Beurteilen. Welche Rolle spielt der Bauherr in diesem ganzen Verfahren? In der Jury ist er ja mit als Preisrichter dabei. Und hat dann ein gleichwertiges Stimmrecht wie alle anderen? Nicht wie alle zusammen. Er hat ja auch andere Sachpreisrichter vielleicht mitbenannt. Jeder hat das gleiche Stimmrecht, nämlich eine Stimme. Das verändert den Charakter der Entscheidung. In einem Wettbewerb wird am Ende nicht einfach ein Entwurf ausgewählt. Es entsteht ein Weg, der begründet werden muss. Für unser Kaufhaus heißt das, der Investor steht nicht mehr nur vor der Frage, welcher Vorschlag ihm am schnellsten einleuchtet. Die Arbeiten werden an der Aufgabe gemessen, an den Kriterien, an den Rahmenbedingungen. Was kann der Bestand tragen? Welche Nutzung funktioniert wirklich? Welche Lösung stärkt den Standort? Was ist genehmigungsfähig, vermittelbar, wirtschaftlich belastbar? Und welcher Entwurf hat das Potenzial, nicht schon nach wenigen Jahren wieder alt auszusehen? Gerade für private Bauherrschaften kann so ein Verfahren mehr leisten als eine gute Auswahl. Es kann Vertrauen schaffen, weil sichtbar wird, dass nicht hinter verschlossenen Türen über ein Stück Stadt entschieden wurde. Weil Stadt, Öffentlichkeit, mögliche Nutzerinnen, Mieter oder Partner nachvollziehen können, welche Wege geprüft wurden und warum eine Lösung am Ende überzeugt. Das macht die Entscheidung nicht automatisch leichter. Eher im Gegenteil. Eine gute Jury-Sitzung kann anstrengend sein, weil sie Widersprüche sichtbar macht. Aber sie macht die Entscheidung belastbarer. Und manchmal kippt dabei der Blick. Eine Arbeit, die zunächst sperrig wirkt, bekommt Gewicht. Ein Plan, der auf den ersten Blick nicht glänzt, zeigt im Gespräch seine Stärke. Eine Lösung, die beinahe aussortiert worden wäre, wandert zurück in die engere Wahl. Andrea Gebhard hat mir genau so eine Situation erzählt. Also es war mal bei einem Landratsamt in einer Stadt und das war hochinteressant, eine Arbeit, die eigentlich im ersten Rundgang schon rausfallen sollte, aber sie hat wahnsinnig viele Facetten gehabt. Und mir selber geht es ja immer so, dass ich auch gern habe, wenn eigentlich zweitägig die Preisgerichte sind, dass man sich wirklich nochmal drüber schläft und überlegt. Und da war es dann auch so, dass wir lang diskutiert haben und dann die wieder zurückgeholt haben, die Arbeit sogar, und gesagt haben, die ist doch so gut, die lassen wir nicht raus und die ist dann der erste Preis geworden. Es hat sich einfach in der Diskussion herausgestellt, dass die Ansätze so gut waren, dass es genau die richtige Antwort war. Das hätte keiner am Anfang gedacht, auch ich nicht, aber mir ist dann plötzlich so gekommen, dass ich gedacht habe, das könnten schon sehr gute Ansätze sein. Das ist für mich einer der schönsten Momente in diesem Gespräch. Eine Arbeit fällt fast heraus, dann wird sie zurückgeholt und am Ende gewinnt sie. Man könnte sagen, der Wettbewerb hat die Idee gerettet, bevor sie verloren ging. Dafür braucht es diesen Raum. Einen Raum, in dem nicht die erste Reaktion entscheidet, in dem man noch einmal genauer hinschaut und fragt, was steckt hier drin, das wir eben übersehen haben? Für unser Kaufhaus könnte das bedeuten, der Entwurf, der zuerst zu zurückhaltend wirkt, nutzt den Bestand am klügsten. Der Vorschlag mit etwas weniger Volumen schafft die bessere Adresse. Und die Lösung, die sich am wenigsten nach schneller Vermarktung anhört, funktioniert am längsten. Und jetzt wechseln wir gedanklich den Ort. Der zweite Ort liegt draußen, am Rand eines bestehenden Quartiers, dort, wo die Stadt noch ein bisschen ausfranst. Vielleicht ist es eine Wiese, vielleicht ein altes Gewerbegrundstück. Ein Stück Land zwischen Straße, Nachbarschaft und Plänen, die längst größer sind als das, was man vor Ort schon sehen kann. Noch gibt es hier keinen Hausflur, keine Fahrräder vor dem Eingang, keine Kinderstimmen im Hof. Nur Gras, Schotte, ein paar Trampelpfade. Vielleicht steht am Rand schon ein Bauzaun. Auf dem Papier aber ist dieser Ort längst voller Erwartungen. Hier sollen Wohnungen entstehen. Viele, schnell, bezahlbar. Dazu Freiräume, eine Kita, vielleicht Läden oder Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss. Ein Wohnungsunternehmen oder ein Projektentwickler schaut auf diese Aufgabe und sieht sofort, wie eng der Rahmen ist. Hohe Grundstückskosten, steigende Baupreise, Förderbedingungen, politische Erwartungen. Und am Ende sollen dort Menschen wohnen, die sich ihre Miete leisten können und gut leben. Da ist der Wunsch nach Verlässlichkeit verständlich. Die Kommune möchte Zeit gewinnen. Das Wohnungsunternehmen braucht kalkulierbare Kosten. Die Politik will zeigen, dass endlich etwas passiert. Also wird manchmal schon früh eine Richtung gesetzt. Eine bestimmte Bauweise, ein hoher Vorfertigungsgrad, ein konstruktives Prinzip, das Abläufe beschleunigen und Risiken senken soll. Daran ist natürlich erst einmal nichts falsch. Gerade im Wohnungsbau können serielle, modulare oder vorgefertigte Lösungen enorm helfen. Schwierig wird es dort, wo aus einer sinnvollen Leitplanke eine Schiene wird, von der niemand mehr herunterkommt. Dann ist die Bauweise schon entschieden, bevor der Ort wirklich gefragt wurde, was er braucht. Andrea Gebhard warnt genau vor diesem Punkt. Vor Wettbewerben, die von Anfang an so stark auf eine bestimmte Bauweise festgelegt sind, dass andere Lösungen kaum noch sichtbar werden. Also ich denke, man strengt sich zu sehr ein. Es gibt immer verschiedene Lösungsansätze. Wenn ich nur ein System habe und nur innerhalb dieses Systems arbeiten kann, ist es eine extreme Einschränkung. Man könnte ja sagen, es soll Holzbau sein, aber auch dann kann plötzlich ein Lehmbau daherkommen, der wesentlich günstiger und besser ist. Also ich würde diese Einschränkung, dass man sagt, es ist nur ein System, eigentlich nicht für richtig halten. Natürlich kann man Wettbewerb auch überfordern, wenn aus jeder Aufgabe sofort ein Großverfahren wird. Wenn Juries riesig werden, Anforderungen wachsen und Büros sehr viel Arbeit investieren, bevor klar ist, ob sie später eine echte Chance auf Beauftragung haben, dann wird aus einem guten Instrument ein schwerer Apparat. Dabei muss nicht jeder Wettbewerb gleich aussehen. Für Wohnungsbau, Quartiere oder private Entwicklungen können ganz unterschiedliche Formate sinnvoll sein. Ein klassischer Planungswettbewerb, ein Konzeptverfahren, ein mehrphasiger Prozess oder ein Werkstatt- und Dialogformat. Entscheidend ist, dass das Verfahren zur Aufgabe passt. Braucht es schon fertige Pläne, Fassaden, Schnitte und Nachweise oder geht es am Anfang erst einmal um eine Haltung, eine städtebauliche Idee, eine kluge Grundentscheidung? Andrea Gebhard sagt deshalb sehr klar, Also ich glaube auch, das muss einfach werden. Und wenn es Riesenpreis gerichtet sind mit 50 Leuten, es ist immer kompliziert und anstrengend. Es können kleinere Sachen sein. Wichtig ist, dass man bei der Auslobung sagt, es geht um eine Idee und dann nur Skizzen verlangt. Das kann man ja auch machen. Also es gibt da ganz verschiedene Herangehensweisen. Und wenn Sie jetzt jemand wissen, der sagt, ja, würde ich es unter keinen Umständen machen, dann schicken Sie ihn zu mir. Und ich glaube, wir werden dann schon den Wettbewerb miteinander überlegen. In einem Preisgericht hängen am Ende nicht nur Pläne an der Wand. Da hängt Zeit, Erfahrung, Arbeit, die oft nur zu einem kleinen Teil bezahlt ist. Das gerät schnell aus dem Blick, wenn man Wettbewerbe nur von der Bauherrenseite aus betrachtet. Dann sehen viele Entwürfe erst einmal verlockend aus. Mehrere Ideen, mehrere Handschriften, mehrere mögliche Zukünfte für ein Grundstück. Aber diese Vielfalt entsteht nicht aus dem Nichts. Büros investieren Wochen in eine Aufgabe, obwohl am Ende nur eines weiterarbeiten darf. Deshalb ist Fairness keine Nebensache. Klare Aufgabe, angemessene Anforderungen, echte Beauftragungsabsicht und Respekt vor der geleisteten Arbeit. Andrea Gebhard spricht darüber sehr deutlich. Und man hört ihr an, dass sie diese Arbeit aus dem eigenen Büro kennt. Da wir selber im Büro viele Wettbewerbe machen, weiß ich, wie viel Herzblut in den einzelnen Arbeiten hängt. Und wenn ich eben in so einer Jury bin, dann sage ich dem Auftraggeber auch immer, da hängen jetzt wahrscheinlich 400.000 Euro an der Hand oder 500.000 oder 600.000. Also die Architektinnen und Architekten jeglicher Couleur stellen der öffentlichen Hand oder dem Investor ihr Wissen zur Verfügung. Und es wird ja nur einer gewinnen. And the winner takes it all. Der kriegt ja dann den Auftrag. Die anderen kriegen noch Prämien dafür, aber die decken eigentlich fast nie den Aufwand, den man hatte, um bei so einem Wettbewerb mitzumachen. Zurück zu unseren zwei Orten. Das Kaufhaus wird irgendwann wieder sichtbar. Die Schaufenster gehen auf, das Erdgeschoss bekommt eine neue Rolle. Menschen werden davorstehen, hineingehen, vorbeilaufen, sich freuen oder die Stirn runzeln. Auch das Quartier bleibt nicht auf dem Plan. Es bekommt Straßen, Höfe, Fassaden, Kinderwagen im Hausflur, Fahrräder am Eingang. Nachbarn auf dem Balkon. Beide Orte werden Teil des Alltags Und deshalb endet ein Wettbewerbsverfahren nicht an der Tür des Preisgerichts Wenn Entwürfe ausgestellt werden, wird ein Projekt erklärbar Man kann zeigen, welche Wege geprüft wurden Warum eine Lösung ausgewählt wurde Welche Abwägungen dahinter stehen, Was ein Ort gewinnen kann Und welche Konflikte ernst genommen wurden Das ist mehr als Kommunikation im Nachhinein Es kann Vertrauen schaffen, bevor der erste Bagger kommt. Andrea Gebhard verbindet Wettbewerbe deshalb mit Öffentlichkeit, Diskussion und Demokratie. Ja klar, weil sie ja dann die Ausstellung haben, da kann man sich diese unterschiedlichen Herangehensweisen ansehen und dann mit Führungen darüber diskutieren. Und ich glaube, es ist ja so wichtig auch für die Demokratie, dass wir diese Diskussionen haben, dass wir darüber diskutieren, was ist der richtige Weg. Nicht verbittert und mit harten Bandagen, sondern wirklich in einer offenen Art und Weise zu sehen. Und das ist natürlich bei Planung das Besondere. Es gibt nie einen, nur einen Weg. Es gibt immer verschiedene Weg. Zwei Orte, mehrere Zukünfte. Das leerstehende Kaufhaus und das neue Wohnquartier aus dieser Folge sind von mir erfunden. Aber die Situationen dahinter sind sehr real. Deshalb lohnt sich die Frage, was ein Architekturwettbewerb leisten kann und was nicht. Er löst keine Baukostenkrise. Er ersetzt keine Finanzierung, keine Projektsteuerung und keine klare Aufgabe. Aber er kann einen Ort für einen Moment offen halten. Er schafft Vergleich, bevor eine einzige Lösung zur Gewohnheit wird. Und er ermöglicht manchmal diesen zweiten Blick auf eine Idee, die beinahe verloren gegangen wäre. Andrea Gebhard beschreibt das als eine Art Türöffner im Kopf. Wir machen aber auch im Büro manchmal Wettbewerbe, wo wir sagen, vermutlich werden wir nicht gewinnen, sondern es ist unser Statement, wie wir an diese Aufgabe herangehen. Das ist ja auch das Schöne wiederum an den Wettbewerben, dass man da sich selber auch mal wirklich das leisten kann, einen besonderen Entwurf zu machen, der vielleicht genau, anders ist als das, was sich die Auslobenden vorstellen und die dann trotzdem plötzlich nochmal einen Türöffner im Kopf haben, um zu sehen, dass man es vielleicht auch anders machen kann. Also es ist schon auch ein lebendiges Verfahren. Und wenn Sie sich Olympiagelände in München anschauen, die ja auch schon rausgefallen waren eigentlich und dann doch diesen Wettbewerb gewonnen haben, damals, Ende der 60er Jahre, dann sieht man, dass da einfach so ein Entwurf mit einer Auftragsarbeit nie gekommen ist, der ist durch diese Art und Weise auch gekommen. Und ich glaube, das ist das Wichtige, dass wir uns das erhalten, dass die Wettbewerbe einfach werden, dass man skizzenhaft manchmal vielleicht arbeitet, aber dass es einfach darum geht, Ideen, in die Öffentlichkeit zu bringen, in die Fachöffentlichkeit, aber auch in die allgemeine Öffentlichkeit zu bringen und den Investorinnen und Investoren auch immer wieder neue Wege aufzuzeigen. Das sehe ich natürlich auch häufig, dass man als Investor, Investorin sieht, das kann ich gut vermarkten und deshalb muss es wieder genauso werden. Es gibt aber auch welche, die sagen, nee, wir wollen gern was Neues sehen, wir wollen es wirklich weiterentwickeln Und dann macht es natürlich richtig Spaß zu überlegen, was könnten da die Herangehensweisen sein. Diese Frage nehme ich aus dem Gespräch mit. Wie viel Raum lassen wir einer Idee, bevor wir sie festlegen? Das ist auch eine Frage für die Expo Real. Wollen wir vor allem das bauen, von dem wir schon wissen, dass es funktioniert? Oder lassen wir Raum für etwas, das besser werden könnte? Wer Grundstücke entwickelt, entwickelt immer auch Stadt. Und Stadt verdient mehr als die schnellste erste Antwort. Das war eine weitere Folge von Architektourist, dem Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur. Mehr über Andrea Gebhard, die Bundesarchitektenkammer und die Themen dieser Folge findest Du wie immer in den Shownotes. Wenn Dir diese Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn Du sie weiter empfiehlst, den Podcast abonnierst oder eine Bewertung bei Spotify oder Apple Podcasts dalässt. Ich bin Alexandra Busch, danke Dir fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Architektourist.

Feedback geben

Ihr habt Lob, Kritik, Fragen oder Ideen rund um den Podcast? Oder Ihr möchtet über den Inhalt einer bestimmten Episode diskutieren? Dann wählt im Formular die jeweilige Folge aus und schreibt mir gerne eine Nachricht. Ich freue mich auf Euer Feedback! 

Mit einem Klick auf "Nachricht absenden" erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Deine Daten zum Zwecke der Beantwortung Deiner Anfrage verarbeiten dürfen. Die Verarbeitung und der Versand Deiner Anfrage an uns erfolgt über den Server unseres Podcast-Hosters LetsCast.fm. Eine Weitergabe an Dritte findet nicht statt. Hier kannst Du die Datenschutzerklärung & Widerrufshinweise einsehen.

★★★★★

Gefällt Dir die Show?
Bewerte sie jetzt auf Apple Podcasts