#84 Bau.Pause – Wenn Systeme mächtiger werden
Was verändert die Industrialisierung für Architekturbüros, Hersteller und den Bestand?
15.09.2026 9 min
Zusammenfassung & Show Notes
Wer entscheidet künftig, welches Fenster verbaut wird: das Architekturbüro oder das System, in das es eingebettet ist? In dieser Bau.Pause führe ich die Gedanken aus Teil 1 weiter und frage, was es bedeutet, wenn sich der Wettbewerb im Bauen tatsächlich vom Baustoff zum Bausystem verschiebt.
Die Folge knüpft an eine Erfahrung aus meiner eigenen Arbeit in der Herstellerkommunikation an: Jahrelang ging es darum, möglichst früh ins Architekturbüro zu kommen. Was passiert mit diesem Prinzip, wenn künftig häufiger komplette Bausysteme gewählt werden? Ich denke über die Rolle von Herstellern und freien Architekturbüros nach und warum gerade der heterogene Bestand perfekt durchorganisierte Bauplattformen an ihre Grenzen bringt. Mass Customization taucht dabei als möglicher Schlüssel auf, um industrielle Effizienz mit hoher Variantenfähigkeit zu verbinden.
Diese Folge schließt die zweiteilige Bau.Pause zum seriellen Bauen ab und führt zu einem einfachen Gedanken: Was lässt sich sinnvoll wiederholen und wo braucht eine Bauaufgabe tatsächlich eine individuelle Antwort?
Weitere Links:
dena / Energiesprong: Serielles Sanieren
dena: Produktkatalog Serielles Sanieren
Goldbeck-System
Die Folge knüpft an eine Erfahrung aus meiner eigenen Arbeit in der Herstellerkommunikation an: Jahrelang ging es darum, möglichst früh ins Architekturbüro zu kommen. Was passiert mit diesem Prinzip, wenn künftig häufiger komplette Bausysteme gewählt werden? Ich denke über die Rolle von Herstellern und freien Architekturbüros nach und warum gerade der heterogene Bestand perfekt durchorganisierte Bauplattformen an ihre Grenzen bringt. Mass Customization taucht dabei als möglicher Schlüssel auf, um industrielle Effizienz mit hoher Variantenfähigkeit zu verbinden.
Diese Folge schließt die zweiteilige Bau.Pause zum seriellen Bauen ab und führt zu einem einfachen Gedanken: Was lässt sich sinnvoll wiederholen und wo braucht eine Bauaufgabe tatsächlich eine individuelle Antwort?
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Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.
Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
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Transkript
Nur mal laut gedacht. Willkommen zur Baupause, dem kurzen Gedankenstopp mit Architektourist.
Ein paar Minuten für Baukultur, Alltagsbeobachtungen und spontane Überlegungen.
Irgendwo zwischen Kaffeetasse, Skizzenrolle und Türrahmen.
In der letzten Baupause ging es um eine Entwicklung, die ich in der Baubranche zunehmend beobachte.
Der Wettbewerb verschiebt sich, vom einzelnen Baustoff hin zu kompletten Bauprozessen und Systemen.
Am Ende stand sogar die Idee einer Bauplattform, also eine Art Baukasten,
bei dem Tragwerk, Bauteile, Anschlüsse, Gebäudetechnik, digitale Planung,
Fertigung und Logistik schon weitgehend ineinandergreifen.
Wenn solche Systeme wichtiger werden, verändert sich damit auch,
wo Entscheidungen im Planungsprozess fallen und wer darauf Einfluss hat.
Diese Verschiebung interessiert mich auch deshalb, weil ich die bisherige Logik
aus meiner eigenen Arbeit sehr gut kenne.
Jahrelang waren Architekturbüros für Bauproduktehersteller eine der wichtigsten Adressen.
Dort wurden früh Materialentscheidungen vorbereitet, Konstruktionen entwickelt
und Produkte ausgewählt.
Wer schon in dieser Phase präsent war, hatte gute Chancen, später auch in Ausschreibungen
und Ausführungen berücksichtigt zu werden.
Deshalb lautete eine der zentralen Fragen im Marketing vieler Hersteller,
wie kommen wir möglichst früh an die Architektinnen und Architekten heran.
Architektenveranstaltungen, Objektberichte, Fachartikel, Bemusterungen und Planungsunterlagen,
waren Teil dieser Strategie.
Mit dem Systemgedanken könnte sich diese Logik nun verschieben.
Stellen wir uns einen Systemanbieter vor, der Tragwerk, Fassadenraster,
Anschlüsse, Gebäudetechnik, Produktion und Montage bereits aufeinander abgestimmt hat.
Ein Fensterhersteller könnte sich dann plötzlich eine ganz andere Frage stellen.
Wie komme ich in dieses System hinein?
Der direkte Zugang zum Architekturbüro könnte an Bedeutung verlieren.
Wenn bestimmte Fenster, Fassadenelemente, Lüftungsgeräte oder andere Komponenten
bereits geprüft, digital hinterlegt und in den Beschaffungsprozess integriert
sind, verschiebt sich Entscheidungsmacht.
Wer die Anschlussstellen eines Systems festlegt, bestimmt damit ein Stück weit
auch, welche Produkte überhaupt hineinpassen.
Das dürfte kaum dazu führen, dass irgendwann nur noch ein Fensterhersteller übrig bleibt.
Denkbar sind vielmehr wenige Anbieter, deren Produkte für bestimmte Systeme
freigegeben und technisch vollständig integriert sind.
Für Hersteller kann das ausgesprochen attraktiv sein.
Wer Teil eines stark nachgefragten Systems wird, bekommt möglicherweise dauerhaft hohe Stückzahlen.
Für kleinere Anbieter kann der Zugang allerdings schwieriger werden.
Verschwinden wird die Architektur aus diesem Prozess natürlich nicht.
Auch ein Systemanbieter braucht Menschen, die Grundrisse entwickeln,
Städtebau verstehen, Fassaden gestalten, Genehmigungen koordinieren und auf
Nutzung, Ort und Kontext reagieren.
Spannend wird deshalb, wo Architektur künftig entsteht.
Weiterhin überwiegend in freien Büros? Oder häufiger innerhalb großer integrierter
Unternehmen, die Planung, Produktion und Bau miteinander verbinden?
Dort sitzt Architektur viel näher an Fertigung, Kalkulation und Systementwicklung.
Entscheidungen lassen sich früh auf Machbarkeit und Kosten prüfen.
Konstruktive Lösungen können über viele Projekte hinweg verbessert werden.
Für freie Büros kann sich dabei allerdings der Gestaltungsspielraum Stück für
Stück verengen, denn je mehr technische Entscheidungen bereits im System festgelegt
sind, desto weniger bleibt später noch offen.
Und dann kommt etwas ins Spiel, das sich der perfekt durchorganisierten Bauplattform
sehr hartnäckig widersetzt.
Der Bestand. Während wir über serielle Neubauten sprechen, wächst gleichzeitig
die Bedeutung von Umbau, Sanierung und Weiterbauen.
Und Bestandsgebäude besitzen ihren eigenen Kopf.
Fensterachsen passen nicht ins heutige Raster, Wandaufbauten stammen aus verschiedenen
Jahrzehnten und Leitungen tauchen gern dort auf, wo sie niemand vermutet hätte.
Eine Schule von 1910 mit einem Anbau aus den 1960er Jahren und mehreren späteren
Umbauten wartet jedenfalls selten
geduldig darauf, dass ein industrielles System über sie gestülpt wird.
Serielles Sanieren funktioniert besonders gut, wenn bereits der vorhandene Gebäudebestand,
Wiederholungen bietet.
Bei ähnlichen Wohnhaustypen können Fassadenmodule, Fenster oder Techniklösungen
vielfach eingesetzt werden.
Was passiert aber mit all den Gebäuden, die es nur einmal gibt?
Dann wird eine Fähigkeit besonders wertvoll. Anpassungsfähigkeit.
Wenn Hersteller ihre Produktpaletten zunehmend auf wenige skalierbare Systeme
konzentrieren, steht irgendwann die Frage im Raum, wer liefert die Sonderlösung?
Wer fertigt das Fenster für eine ungewöhnliche Öffnung? Wer entwickelt eine
Fassade für ein Gebäude, dessen Geschosshöhen keinem aktuellen Raster folgen?
Wer passt Gebäudetechnik an Strukturen an, die nie für heutige Anforderungen geplant wurden?
Daraus könnten sich zwei starke Marktpositionen herausbilden.
Auf der einen Seite Unternehmen, die über Skalierung erfolgreich sind,
hohe Stückzahlen, automatisierte Prozesse und klar definierte Schnittstellen.
Auf der anderen Seite Spezialisten, die kleine Stückzahlen, ungewöhnliche Anforderungen
und individuelle Bestandslösungen wirtschaftlich beherrschen.
Unbequem könnte die Mitte werden. Dort sitzen Unternehmen, die weder die Skalierung
der großen Systeme erreichen, noch durch Anpassungsfähigkeit auffallen.
Hier kommt ein Begriff ins Spiel, den ich für die weitere Entwicklung sehr interessant
finde. Mass Customization.
Gemeint ist eine industrielle Produktion, die trotz standardisierter Prozesse,
viele Varianten zulässt.
Ein Fenster kann also automatisiert gefertigt werden und trotzdem für eine individuelle Öffnung entstehen.
Der Herstellungsprozess folgt einem wiederholbaren Prinzip.
Was am Ende herauskommt, darf trotzdem variieren.
Die Serie steckt dann vor allem im Prozess.
Das hat natürlich Grenzen. Je größer die Variantenvielfalt wird,
desto anspruchsvoller werden Planung, Datenhaltung, Produktion und Logistik.
Auch mit digitaler Planung bleibt ein Einzelstück ein Einzelstück.
Die Maschine macht daraus noch keine Massenproduktion.
Trotzdem könnte hier eine Verbindung zwischen Effizienz und Individualität entstehen.
Und an dieser Schnittstelle kommen die Planenden wieder ins Spiel.
Der riesige Gebäudebestand verlangt weiterhin Planungskompetenz,
Erfahrung, Kreativität und die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Anforderungen
miteinander zu verbinden.
Ein bestehendes Gebäude lässt sich nicht einfach konfigurieren. Es muss gelesen werden.
Was kann bleiben? Wo ist ein Eingriff nötig? Welche industriell gefertigte Lösung passt tatsächlich?
Wo braucht es eine Sonderanfertigung?
Und welche vorhandenen Qualitäten dürfen bei der Transformation auf keinen Fall verloren gehen?
Damit könnte sich auch die Aufgabe von Architekturbüros verändern.
Sie müssen künftig womöglich seltener jedes konstruktive Detail neu entwickeln,
und häufiger zwischen Bestand, industriellen Systemen, Herstellern und individuellen
Anforderungen vermitteln.
Das wäre keineswegs die kleinere Aufgabe.
Die Industrialisierung des Bauens muss uns dabei nicht zwangsläufig in eine
Welt führen, in der alles gleich aussieht.
Viel interessanter ist die Unterscheidung. Wo bringt Standardisierung tatsächlich einen Vorteil?
Und an welchem Punkt braucht ein Gebäude eine individuelle Antwort?
Die Zukunft des Bauens könnte darin liegen, dass wiederholbare Konsequenzen
wiederholen und die eigene Energie dort einzusetzen, wo ein Gebäude tatsächlich
individuell werden muss.
Mehr Aufmerksamkeit für Ort, Raum und Menschen, weniger Aufwand für Dinge,
die wir längst tausendmal gelöst haben.
Damit endet mein kleiner Zweiteiler über serielles Bauen.
Das Thema selbst dürfte mich allerdings noch eine ganze Weile beschäftigen.
Das war die Baupause, bis zum nächsten Gedankenstopp mit Architektourist.
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