#83 Bau.Pause – Vom Stein zum System
Verschiebt sich der Wettbewerb vom Baustoff zum Bauprozess?
01.09.2026 11 min
Zusammenfassung & Show Notes
Kalksandstein für Schallschutz, Ziegel für Behaglichkeit, Beton für Formfreiheit: Jahrelang habe ich Pressetexte geschrieben, in denen der Baustoff im Mittelpunkt stand. In dieser Bau.Pause denke ich darüber nach, warum diese Logik ins Wanken gerät und warum sich der Wettbewerb im Bauen zunehmend vom Material zum Prozess verschiebt.
Hinter dieser Folge steckt eine Beobachtung, die mich schon länger begleitet: Wenn Baukosten steigen, Fachkräfte fehlen und Anforderungen wachsen, zählt immer stärker, wie gut sich eine Bauweise in einen verlässlichen und industrialisierten Prozess übersetzen lässt. Ich verbinde das mit einer alten Idee, die gerade neu verhandelt wird. Serielles Bauen ist keine Erfindung der Gegenwart, sondern reicht bis in die Moderne und die Nachkriegszeit zurück, mit einem Imageproblem, das bis heute nachwirkt. Dabei sortiere ich auch die Begriffe Elementbau, modulares und systemisches Bauen und gehe der Frage nach, was eine Bauweise tatsächlich seriell macht.
Diese Folge ist der erste Teil einer zweiteiligen Bau.Pause zum seriellen Bauen, ein gedanklicher Rundgang vom Baustoff über das Bauteil zum System, mit einem Ausblick auf die Frage, die Teil 2 weiterverfolgt: Wer bestimmt künftig, wie wir bauen?
Weitere Links:
GdW: Serielles Bauen 2.0
Bundesarchitektenkammer: Serieller Wohnungsbau
BMWSB: Serielles, modulares und systemisches Bauen
Hinter dieser Folge steckt eine Beobachtung, die mich schon länger begleitet: Wenn Baukosten steigen, Fachkräfte fehlen und Anforderungen wachsen, zählt immer stärker, wie gut sich eine Bauweise in einen verlässlichen und industrialisierten Prozess übersetzen lässt. Ich verbinde das mit einer alten Idee, die gerade neu verhandelt wird. Serielles Bauen ist keine Erfindung der Gegenwart, sondern reicht bis in die Moderne und die Nachkriegszeit zurück, mit einem Imageproblem, das bis heute nachwirkt. Dabei sortiere ich auch die Begriffe Elementbau, modulares und systemisches Bauen und gehe der Frage nach, was eine Bauweise tatsächlich seriell macht.
Diese Folge ist der erste Teil einer zweiteiligen Bau.Pause zum seriellen Bauen, ein gedanklicher Rundgang vom Baustoff über das Bauteil zum System, mit einem Ausblick auf die Frage, die Teil 2 weiterverfolgt: Wer bestimmt künftig, wie wir bauen?
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GdW: Serielles Bauen 2.0
Bundesarchitektenkammer: Serieller Wohnungsbau
BMWSB: Serielles, modulares und systemisches Bauen
Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.
Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
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Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
Transkript
Nur mal laut gedacht. Willkommen zur Baupause, dem kurzen Gedankenstopp mit Architektourist.
Ein paar Minuten für Baukultur, Alltagsbeobachtungen und spontane Überlegungen.
Irgendwo zwischen Kaffeetasse, Skizzenrolle und Türrahmen.
Als ich vor vielen Jahren angefangen habe, Pressearbeit für Baustoffhersteller
zu machen, war die Welt klar sortiert.
Kalksandstein stand für hohen Schallschutz und Tragfähigkeit,
Ziegel erzählte von Behaglichkeit und Wohngesundheit.
Porenbeton punktete mit Wärmeschutz und einfacher Verarbeitung.
Beton brachte Dauerhaftigkeit, Formfreiheit und konstruktive Leistungsfähigkeit ins Spiel.
Diese Argumente bestimmten Pressemitteilungen, Objektberichte und Anwenderberichte.
Auf Messen und in Gesprächen hörte man sie genauso.
Im Mittelpunkt meiner Texte für die Hersteller stand natürlich immer der Baustoff.
Heute fällt mir auf, wie sehr sich der Blick verändert hat.
Natürlich interessieren uns weiterhin die Eigenschaften von Beton,
Holz, Stahl oder Mauerwerk.
Eine andere Frage drängt sich inzwischen allerdings viel stärker nach vorne.
Wie bekommen wir Gebäude überhaupt noch wirtschaftlich, schnell und zuverlässig gebaut?
Damit rückt etwas ins Zentrum, das lange eher im Hintergrund lief, der Bauprozess.
Und ausgerechnet hier begegnet uns eine Idee wieder, die ziemlich alt ist.
Serielles Bauen steht heute wieder weit oben auf der Agenda,
beschäftigt die Architektur aber schon seit mehr als 100 Jahren.
Schon die moderne Anfang des 20. Jahrhunderts setzte sich intensiv mit Typisierung,
Standardisierung und industrieller Fertigung auseinander.
Auch am Bauhaus spielte die Verbindung von Gestaltung und Technik eine wichtige Rolle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam dieser Gedanke eine enorme praktische Bedeutung.
Wohnraum fehlte, schnell und in großen Mengen musste gebaut werden.
Vorfertigung, Raster und standardisierte Systeme wurden in Ost und West zu wichtigen
Werkzeugen des Wohnungsbaus.
Viele der neuen Großsiedlungen galten zunächst als modern und versprachen einen
Wohnkomfort, den viele Menschen zuvor nicht hatten.
Ab den 1970er Jahren begann dieses Bild vor allem in Westdeutschland zu kippen.
Großsiedlungen gerieten zunehmend wegen ihrer Monotonie, ihrer Dimensionen und
der funktionalen Trennung von Wohnen, Arbeiten und Verkehr in die Kritik.
In Ostdeutschland hingegen wurde die Platte noch lange als begehrter Wohnraum gebaut.
Ihr heute so stark negatives Image entstand dort vor allem nach der Wiedervereinigung.
Die Kritik an diesen Siedlungen hatte natürlich viele Ursachen.
Städtebau, politische Entscheidungen, soziale Strukturen und fehlende Infrastruktur spielten hinein.
Im Gedächtnis blieb trotzdem etwas hängen. Seriell klang irgendwann nach Platte,
nach einem System, das überall gleich aussieht.
Mit diesem Image verlor die Idee der Serie in der Architektur über viele Jahre
deutlich an Attraktivität.
In den Jahrzehnten danach gewann Individualität wieder an Gewicht.
Architektur sollte stärker auf den Ort reagieren, Gebäude sollten eine eigene
Identität entwickeln, Materialien konnten Charakter transportieren.
In dieser Bauwelt bin ich beruflich groß geworden. Nach meinem Architekturdiplom
habe ich mich 2008 mit Kommunikation rund ums Bauen selbstständig gemacht und
viele Jahre über Baustoffe, Konstruktionen und Gebäude geschrieben.
Lange war das für mich eine ganz vertraute Welt. Erst vor einigen Jahren merkte
ich, dass sich etwas verschiebt.
Zunächst ganz praktisch in meiner eigenen Arbeit, manche Themen wurden seltener,
Budgets kleiner, klassische Baustoffgeschichten schwieriger zu platzieren.
Hinter dieser Veränderung steckt ein grundsätzlicher Wandel in der Bauwirtschaft.
Baukosten sind gestiegen, Fachkräfte fehlen, Grundstücke sind teuer.
Anforderungen an Energie, Brandschutz, Schallschutz, Nachhaltigkeit und Dokumentation wachsen.
Planungsprozesse werden komplexer.
Gleichzeitig fehlen Wohnungen, Schulen, Kitas und viele andere Gebäude.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf Baustoffe. Hervorragende Materialeigenschaften
allein reichen als Argument immer weniger aus.
Ebenso wichtig wird, wie aufwendig eine Konstruktion in Planung und Ausführung ist.
Wie planbar ist der Ablauf? Wie zuverlässig lassen sich Qualität,
Kosten und Termine wiederholen?
So lässt sich auch erklären, warum serielles und systemisches Bauen gerade wieder
so viel Aufmerksamkeit bekommt.
Aber was heißt eigentlich seriell? Vor einiger Zeit hatte ich dazu ein interessantes
Gespräch auf einer Messe.
Ich fragte den Geschäftsführer eines Kalk-Sandstein-Unternehmens,
ob er Sorge habe, dass klassische Mauerwerkslösungen durch den Boom des seriellen
Bauens an Bedeutung verlieren könnten.
Seine Antwort überraschte mich. Sinngemäß sagte er, auch Kalk-Sandstein sei seriell.
Schließlich gäbe es erprobte Konstruktionsprinzipien und Fügetechniken,
die sich von Gebäude zu Gebäude wiederholen ließen.
Ich war damals skeptisch und bin es bis heute. Wiederholbarkeit allein reicht
aus meiner Sicht noch nicht aus, um von seriellem Bauen zu sprechen.
Standardisierung ist wichtig. Wenn ein Wandaufbau hundertfach funktioniert hat,
muss niemand beim nächsten Gebäude wieder bei Null anfangen.
Bewährte Details, Raster und Anschlüsse sparen Planung und reduzieren Fehler.
Beim seriellen Bauen greift die Wiederholung jedoch tiefer in den gesamten Prozess ein.
Planung und Fertigung werden stärker vorverlagert.
Bauteile oder ganze Module können unter kontrollierten Bedingungen entstehen.
Dadurch sinkt die Zahl der Arbeitsschritte auf der Baustelle,
Produktionsabläufe lassen sich
besser organisieren und Qualität kann verlässlicher wiederholt werden.
Dabei werden einige Begriffe gern durcheinandergeworfen. Elementbau arbeitet
mit vorgefertigten, flächigen oder linearen Bauteilen.
Beim modularen Bauen kommen dreidimensionale Raummodule auf die Baustelle.
Systemisches Bauen wiederum beschreibt einen größeren Baukasten aus wiederkehrenden
Konstruktionen, Bauteilen, Schnittstellen und Prozessen.
Serielles Bauen kann Elemente aus all diesen Ansätzen nutzen und ist damit zunächst
einmal keine Materialfrage.
Holz, Beton, Stahl oder auch Mauerwerk können Teil eines seriellen Prozesses
sein, wenn Planung, Fertigung und Montage entsprechend organisiert sind.
Entscheidet es also weniger, wie groß das einzelne Bauteil ist,
interessanter ist, wie konsequent der gesamte Bauprozess auf Wiederholung,
Vorfertigung und Skalierbarkeit ausgelegt wird.
Das bedeutet keineswegs, dass Mauerwerk damit erledigt wäre.
Auch dort gibt es Großformate, Versetztechnik, automatisierte Prozesse und vorgefertigte Wandelemente.
Aber wie gut lässt sich eine Bauweise in einen industrialisierten Prozess übersetzen,
und welche Vorteile entstehen daraus tatsächlich bei Zeit, Kosten,
Qualität und Personalbedarf?
Heute kommt ein anderes Versprechen hinzu. Ein Systemanbieter sagt,
wir können das Gebäude planen, wesentliche Teile fertigen, liefern und montieren.
Und wir können früh sagen, was es kosten und wie lange es dauern wird.
Damit verschiebt sich die Ebene des Wettbewerbs. Ein Bauherr bestellt am Ende
keine 80.000 Kalksandsteine.
Er braucht 80 Wohnungen. Er braucht keine 200 Betonstützen. Er braucht eine Halle.
Und als Holztafelelementen soll am Ende eine Schule entstehen,
die rechtzeitig fertig wird und ins Budget passt.
Deshalb glaube ich, dass sich der Wettbewerb in der Bauwirtschaft zunehmend
von Baustoffen zu Bauprozessen verschiebt.
Das Material bleibt wichtig, aber es wird Teil einer größeren Gleichung.
Zu Tragfähigkeit, Wärme oder Schallschutz kommen Fertigungstiefe,
Montagegeschwindigkeit, Personalbedarf, Logistik, CO2, Rückbau,
Kreislauffähigkeit und Anpassbarkeit.
Damit geht es nun um etwas anderes. Welche Kombination aus Material,
Konstruktion und Prozess passt am besten zu dieser konkreten Bauaufgabe?
Möglicherweise erleben wir
deshalb etwas, das über die Renaissance des seriellen Bauens hinausgeht.
Wir bewegen uns vom Baustoff zum Bauteil,
vom Bauteil zum System und vielleicht irgendwann zur Bauplattform,
also zu einem System, in dem Bauteile, Schnittstellen und Prozesse bereits so
weit aufeinander abgestimmt sind, dass unterschiedliche Gebäude darauf aufbauen können.
Dann könnten Tragwerk, Raster, Anschlüsse, Technik, digitale Planung und Fertigung
bereits einen solchen Rahmen bilden.
Für Architektur klingt das zunächst gewöhnungsbedürftig. Schließlich möchten
wir unsere Städte kaum aus immer denselben Baukästen zusammensetzen.
Genauso berechtigt ist jedoch die Gegenfrage. Müssen wir bei jedem Gebäude jede
konstruktive Lösung erneut erfinden?
Hier könnte eine der spannendsten Aufgaben der kommenden Jahre liegen.
Wir müssen herausfinden, was wir
sinnvoll wiederholen können und wo Individualität unverzichtbar bleibt.
Industrialisierung kann Prozesse beschleunigen, Ressourcen sparen und Qualität stabilisieren.
Architektur muss zugleich auf Menschen, Orte und gesellschaftliche Aufgaben reagieren.
Beides zusammenzubringen, beschäftigt die Bauwelt seit mehr als 100 Jahren.
Ich möchte deshalb inzwischen vor allem wissen, welcher Bauprozess wird sich
durchsetzen und wer bestimmt künftig, wie wir bauen.
Und darum geht es in der nächsten Baupause.
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