Architektourist

Der Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur - von und mit Alexandra Busch.

#69 Bau.Pause – Am Planungstisch

Eine Besprechung über Wohnungsbau, KI und Materialgeschichte

05.02.2026 10 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Bau.Pause erzähle ich eine fiktive Szene aus dem Planungsalltag. Im Mittelpunkt steht ein gewachsenes Wohnquartier, das ergänzt und weitergebaut werden soll, während der Druck steigt, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Die Geschichte führt an einen Planungstisch, an dem Architektur, Bauleitung, Wohnungsbauunternehmen und Kommune über serielle Systeme, Zeit- und Kostendruck, aber auch über Weiterbauen, Material, Handwerk und Gestaltung sprechen. Dabei wird sichtbar, wie Entscheidungen entstehen, wenn unterschiedliche Perspektiven, Zwänge und Haltungen aufeinandertreffen.

Einblicke in diese Episode:
  • Serielles und modulares Bauen: Chance oder Standardisierungsfalle?
  • Kreislaufwirtschaft im Wohnungsbau: von Rückbaureserven bis zu recycelten Materialien
  • KI als Planungswerkzeug: wie künstliche Intelligenz Entwurfsvarianten sichtbar macht
  • Gestaltung im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit und Ort
  • Lebenszykluskosten und Wertstabilität: Entscheidungen für Jahrzehnte
  • Materialgeschichte: wenn gebrauchte Bauteile Teil der architektonischen Sprache werden

Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.

Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.

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Transkript

Nur mal laut gedacht. Willkommen zur Baupause, dem kurzen Gedankenstopp mit Architektourist. Ein paar Minuten für Baukultur, Alltagsbeobachtungen und spontane Überlegungen. Irgendwo zwischen Kaffeetasse, Skizzenrolle und Türrahmen. Heute gibt es mal kein Selbstgespräch, sondern eine kleine Geschichte aus dem Planungsalltag. Der Besprechungsraum liegt im dritten Stock. Fenster zur Straße, Blick auf Dächer, Balkone und bewachsene Innenhöfe. Draußen zeigt sich, dass hier schon gebaut wurde. Drinnen wird gerade geplant. Auf dem langen Tisch liegen Pläne. Sie zeigen ein Wohnquartier aus den 70er Jahren. Solide gebaut, viel Grün dazwischen. Jetzt steht es vor dem nächsten Schritt. Ergänzen, nachverdichten, weiterführen. Neue Häuser, neue Wohnungen, neue Wege. Wohnraum wird gebraucht, und zwar dringend. Der Bildschirm und der Wand zeigt erste Bilder, Studien, keine fertigen Entwürfe. Alt und Neu nebeneinander gedacht. Bestehende Baukörper, ergänzt durch neue Volumen. Höfe, die sich öffnen könnten, Wege, die weiterlaufen würden. Noch ist nichts festgelegt, aber man sieht, worum es geht. Das Planungsteam sitzt beieinander. Architektur und Fachplanung, Menschen, die diesen Ort gut kennen. Seine Maßstäbe, seine Eigenheiten, seine Grenzen. Daneben die Bauleitung, mit einem Blick für Anschlüsse, Übergänge, das Machbare. Gegenüber die Vertreterin des Wohnungsbauunternehmens, Verantwortung für Neubau und Bestand, für Betrieb, für lange Zeiträume. Aus der Kommune ist jemand online zugeschaltet. Aufmerksam, mit Wissen über Genehmigungen, Förderraster und Akzeptanz im Quartier. Der Projektleiter beginnt. Er spricht über Bauabschnitte, Termine, Schnittstellen. Über das Bauen im bewohnten Bestand. Über Kosten, die tragen müssen. Über Wohnraum, der überall fehlt. Der Ton ist sachlich. Konzentriert, lösungsorientiert. Wenn wir im Herbst anfangen wollen, müssen die Varianten bald stehen, sagt er. Ein Blick zur Vertreterin des Wohnungsunternehmens. Wir müssen aber durch die Wirtschaftlichkeitsprüfung, sonst stoppt uns der Aufsichtsrat, antwortet sie. Ein kurzes Schweigen. Dann lehnt sie sich vor. Wir haben hier eine Aufgabe. Der Aufsichtsrat will Wirtschaftlichkeit durch serielle Systeme. Die Kommune erwartet gestalterische Qualität, die zum Quartier passt. Und wir müssen beides unter einen Hut bringen. Der Satz setzt den Rahmen. Jetzt ist klar, worum es geht. Das hier ist Wohnungsbau. Wir brauchen Stückzahlen, sagt jemand. Seriell heißt es, als Grundlage, als verlässliches System, mit dem sich Tempo, Kosten und Qualität zusammenbringen lassen. Vorfertigung, Wiederholung, bekannte Details Es klingt nach Sicherheit. Funktioniert, aber erstickt das nicht jede Eigenheit? Murmelt jemand. Man schaut wieder auf den Bildschirm. Neue Baukörper, die an den Bestand anschließen. Klare Raster, einfache Fassaden. Man erkennt sofort, wie gebaut werden kann. So lässt sich das steuern, meint jemand. Oder standardisieren, kommt es aus der Ecke. Jemand blättert in den Plänen, nicht suchend, eher prüfend, bleibt bei einem Detail stehen. Wandaufbau, Anschlüsse. Was passiert eigentlich mit diesem Quartier in 40 oder 50 Jahren, wenn es wieder verändert wird? Der Projektleiter hebt den Blick. Rückbau sei später, jetzt geht es darum, überhaupt zu bauen. Aber genau darum geht es doch, sagt die Architektin, ob man heute so baut, dass später nicht alles wieder zu Abfall wird. Das Wort Kreislauf fällt. Plötzlich wird die Diskussion konkreter. Es geht um Konstruktionen, die Veränderungen zulassen, um Bauteile, die sich lösen lassen, um Schichten, die trennbar bleiben, statt fest miteinander verklebt zu sein. Einer seufzt, in der Theorie ist das immer leicht. Ein anderer kontert, oder in der Zukunft, wenn man sie denn ernst nimmt. Und woher kommt das Material, fragt jemand? Auf dem Markt gibt es gerade einiges, antwortet ein Kollege. Aus Gebäuden, die zurückgebaut werden. Klinker, Holzträger, Fensterelemente. Bauteile, die bereits Geschichte tragen. Man merkt, das Thema verschiebt sich, vom reinen Neubau zum Weiterbauen, von der Norm zur Materialgeschichte. Die Bauleiterin schüttelt den Kopf, Haftung, Verfügbarkeit, Normen, das wird kompliziert. Niemand wischt den Gedanken weg, aber spürbar wird, das Projekt wird anspruchsvoller. Vielleicht müssen wir das nicht für alles machen, wirft jemand ein. Aber für Teile der Fassade könnte es funktionieren. Recycelte Klinker in der Sockelzone zum Beispiel. Das wäre sichtbar und erzählt etwas über den Ort. Ein Nicken. Die Idee bekommt Raum. Dann klappt ein Kollege den Laptop auf. Ich habe da mal mit KI experimentiert. Ein leises Raunen geht durch den Raum. Ein halbes Lächeln. Dann erscheinen Varianten. und die Neugier ist plötzlich größer als der Zweifel. Was hier passiert, hat niemand erwartet. Die Technik zeigt nicht weniger Gestaltung, sondern mehr Möglichkeiten. Auf dem Bildschirm erscheinen weitere Studien. Keine radikalen Brüche, sondern präzise Verschiebungen, das gleiche serielle System, aber anders aufgefasst. Zuerst die Grundrisse. Gleiche Struktur, unterschiedliche Wohnungstypen. Andere Abfolgen, andere Größen. Kleine Veränderungen, die im Alltag viel bewirken. Dann die Fassaden. Hier wird es spannend. Gleiche Elemente, aber unterschiedlich komponiert. Mal dichter gesetzt, mal aufgelöster, mal flächig, mal mit Tiefe. Die hier wirkt sehr allgemein, sagt jemand und deutet auf eine Variante. Und die? Man sieht es sofort. Mehr Bezug zum Bestand, mehr Dialog mit den Höfen. Seriell, aber mit eigener Handschrift. Das hätten wir früher aus Zeitmangel nicht so ausführlich ausprobiert, sagt jemand. Auch die Baukörper lassen sich justieren. Minimal, aber wirkungsvoll. Höfe werden klarer gefasst, Übergänge lesbarer, Blickbeziehungen geordnet. Alles innerhalb des selben Systems. Alles vergleichbar, alles entscheidbar. Plötzlich ist die Stimmung eine andere. KI hat nicht die Gestaltung übernommen. Aber sie hat Spielräume sichtbar gemacht. Unterschiede, die vorher verborgen blieben. Entscheidungsräume, die sich jetzt öffnen. Die Vertreterin des Wohnungsunternehmens beugt sich vor. Worauf legen wir uns hier eigentlich fest für Jahrzehnte? Die Architektin denkt einen Moment nach. Auf Strukturen, die Wandel aushalten, sagt sie. Und auf Entscheidungen, die tragfähig bleiben. Auch über uns hinaus. Die Vertreterin des Wohnungsunternehmens nickt langsam. Dann sollten wir das ernst nehmen. Die Kosten werden noch einmal betrachtet, sachlich und klar. Lebenszykluskosten, also nicht nur, was der Bau heute kostet, sondern auch, was Betrieb, Instandhaltung und möglicher Rückbau über Jahrzehnte kosten werden. Es geht um Wertstabilität, Anpassungsfähigkeit. Entscheidungen werden neu sortiert, manche vorgezogen, andere bewusst gesetzt. Also, sagt die Vertreterin des Wohnungsunternehmens, wir gehen mit Variante B, serielles Grundsystem, aber drei Fassadentypen, die auf den Bestand reagieren. Sockelzone mit recycelten Klinkern. Da müssen wir allerdings prüfen, was aus dem Rückbau in der Innenstadt verfügbar ist. Und die Holzfassade konstruieren wir so, dass sie in 40 Jahren rückbaubar bleibt. Das bringt uns durch die Wirtschaftlichkeitsprüfung und gibt uns gestalterischen Spielraum. Der Projektleiter nickt? Dann haben wir jetzt eine Linie. Es entsteht Klarheit. Serielle Systeme, angepasst an Ort und Bestand. Materialien mit Geschichte, wo es sinnvoll ist. Konstruktion mit Zukunft, bewusst geplant. Auf dem Tisch im Besprechungsraum liegt nun ein Plan, der mehr ist als eine Ergänzung. Es ist alles noch nicht perfekt, aber genau deshalb ehrlich. Ein Quartier, das weitergedacht werden kann, weil es aus so vielen Blickwinkeln entstanden ist. Danke, dass Du heute einen Moment mit am Planungstisch gesessen hast. Bis bald, bei Architektourist, zur nächsten Baupause.

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