#68 Bauwerk.Stimme – Doshi Retreat auf dem Vitra Campus
Der leise Gegenpol
29.01.2026 12 min
Zusammenfassung & Show Notes
Mitten auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein ist ein Ort entstanden, der einen bewusst anderen Ton anschlägt: Umgeben von ikonischen Bauten international bekannter Architektinnen und Architekten setzt das Doshi Retreat keinen weiteren Solitär in die Landschaft, sondern lädt zu einer Erfahrung ein, die sich erst im Gehen erschließt.
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von der Entstehung dieses besonderen Ortes. Ausgangspunkt war eine Reise von Rolf Fehlbaum nach Indien und ein sehr persönliches Gespräch mit Balkrishna Doshi. Inspiriert von einem kleinen Schrein am Sonnen-Tempel von Modhera entwickelte Doshi die Idee eines Rückzugsortes als bewussten Gegenpol zur sichtbaren, oft spektakulären Architektur des Campus.
Das Doshi Retreat ist das erste und einzige realisierte Projekt des Pritzker-Preisträgers außerhalb Indiens und zugleich sein letztes Werk. Der Entwurf entfaltet sich als gewundener, absteigender Pfad aus Stahl, begleitet von Klang, Licht und Bewegung. Architektur wird hier mit allen Sinnen erlebt.
Weitere Links:
Vitra Campus
Doshi Retreat
Vitra Design Museum
Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von der Entstehung dieses besonderen Ortes. Ausgangspunkt war eine Reise von Rolf Fehlbaum nach Indien und ein sehr persönliches Gespräch mit Balkrishna Doshi. Inspiriert von einem kleinen Schrein am Sonnen-Tempel von Modhera entwickelte Doshi die Idee eines Rückzugsortes als bewussten Gegenpol zur sichtbaren, oft spektakulären Architektur des Campus.
Das Doshi Retreat ist das erste und einzige realisierte Projekt des Pritzker-Preisträgers außerhalb Indiens und zugleich sein letztes Werk. Der Entwurf entfaltet sich als gewundener, absteigender Pfad aus Stahl, begleitet von Klang, Licht und Bewegung. Architektur wird hier mit allen Sinnen erlebt.
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Vitra Design Museum
Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT
Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.
Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
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Transkript
Du hörst? Bauwerkstimme, ein Format von Architektourist.
Der leise Gegenpol, das Doshi Retreat auf dem Vitra Campus.
Der Vitra Campus liegt in Weil am Rhein, im äußersten Südwesten Deutschlands,
direkt an der Grenze zur Schweiz.
Von Darmstadt aus ist das eine ordentliche Strecke und trotzdem bin ich immer
wieder dorthin gefahren, weil dieser Ort etwas Besonderes ist.
Hier produziert Vitra Möbel. Ganz real, ganz industriell.
Und gleichzeitig ist auf diesem Gelände über Jahrzehnte ein außergewöhnliches
Architekturensemble entstanden.
Auslöser war ein Brand Anfang der 1980er Jahre.
Beim Wiederaufbau entschied sich Vitra bewusst gegen reine Zweckbauten und begann
international renommierte Architektinnen und Architekten einzuladen.
So stehen hier heute Gebäude von Frank Gehry, Zaha Hadid, Tadao Ando,
Herzog & de Meuron, SANAA, Nicholas Grimshaw und anderen.
Produktionshallen, Museen, Ausstellungen, Shops, Kunstinstallationen und Gärten greifen ineinander.
Man kann hier arbeiten, Möbel kaufen, Architektur besichtigen und durch ein
Stück Baukultur spazieren.
Viele kommen gezielt hierher, Architektinnen, Planer, Studierende,
Gestaltungsinteressierte.
Der Campus gilt international als eine Art Freilichtmuseum der zeitgenössischen Architektur.
Und genau deshalb ist das, was hier neu entstanden ist, so bemerkenswert.
Denn diesmal setzt Vitra keinen weiteren Solitär in die Landschaft,
der aus der Ferne schon Hier bin ich, ruft.
Das Doshi Retreat wirkt anders.
Es braucht Nähe. Es entfaltet sich erst, wenn man hineingeht.
Natürlich ist auch das Teil dieser Campus-Erzählung. Aber die Aufmerksamkeit,
um die es hier geht, ist eine andere.
Mitten auf einem Campus, der für starke architektonische Handschriften bekannt
ist, entsteht damit ein Raum, der nicht übertrumpfen will.
Er lädt ein. Man kann ihn anschauen. Aber man versteht ihn erst, wenn man ihn geht.
Kapitel 1 – Der andere Gedanke auf dem Campus,
Warum entsteht auf einem Campus,
der für außergewöhnliche Architektur bekannt ist, ein Ort der Stille?
Der Anfang dieser Geschichte liegt weit weg von weit am Rhein.
Er beginnt mit einer Reise.
Rolf Fehlbaum, langjähriger Geschäftsführer von Vitra und heute Chairman Emeritus,
ist gemeinsam mit seiner Frau Federica Zanco in Indien unterwegs.
Dort besuchen sie den Sonnentempel von Modhera im Bundesstaat Gujarat,
ein Ort von großer historischer und spiritueller Bedeutung.
Von diesem Ort zeigt Fehlbaum dem Architekten Balkrishna Doshi ein Foto.
Auf dem Foto ist ein kleiner, uralter Schrein zu sehen.
Ein unscheinbarer Ort, ein sehr kleiner Raum, Gedacht für innere Einkehr und Stille.
Fehlbaum fragt Doshi sinngemäß, ob er sich vorstellen könne,
etwas Ähnliches für den Vitra-Campus zu entwerfen.
Ein Ort der Ruhe und Besinnung, der sich bewusst vom sonst sehr sichtbaren,
oft auch spektakulären Charakter des Campus abhebt.
Doshi sagt zu. Zu diesem Zeitpunkt ist Balkrishna Doshi bereits hochbetagt.
Er gehört zu den einflussreichsten Architekten Indiens.
Geboren 1927, geprägt von Le Corbusier und Louis Kahn, über 70 Jahre lang aktiv.
Mehr als 100 realisierte Projekte, Wohnungsbau, Universitäten, Stadtplanung.
Architektur immer verstanden als soziale und kulturelle Praxis.
2018 erhält Doshi den Pritzker-Preis als erster Architekt aus Indien.
Das Projekt für Vitra entsteht nicht als klassischer Auftrag.
Es ist kein Wettbewerb, kein kommerzielles Vorhaben.
Vielmehr entwickelt es sich aus einem sehr persönlichen Dialog.
Doshi arbeitet an diesem Projekt gemeinsam mit seiner Enkelin Khushnu Panthaki Hoof,
Architektin in seinem Studio Sangath, und ihrem Mann Sönke Hoof.
Gespräche, Skizzen, Notizen. Ein langsamer, sehr persönlicher Entwurfsprozess.
Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Traum, von dem Doshi erzählt.
Zwei sich ineinander windende Kobras.
Ein Bild aus dem Unterbewusstsein, eine Metapher. Für Bewegung, Nähe, Konzentration.
Aus diesem Bild entwickelt sich zunächst eine Erzählung. Dann ein skizziertes
Konzept als Einladung zu einer Entdeckungsreise.
Das Doshi Retreat wird zu Doshis erstem und einzigem realisierten Projekt außerhalb
Indiens und zugleich zu seinem letzten.
Balkrishna Doshi stirbt im Januar 2023 im Alter von 95 Jahren.
Die Bauarbeiten werden danach weitergeführt. Das Projekt wird im Herbst 2025 eröffnet.
Es ist kein Spätwerk im klassischen Sinn, kein zusammenfassendes Statement.
Eher ein leiser Ort, der vieles bündelt, wofür Doshi stand.
Architektur als Erfahrung, als Weg, als Übergang von der äußeren Welt zur inneren Sammlung.
Kapitel 2 Vom Außen nach Innen Das Doshi Retreat beginnt mit einem Weg.
Man bewegt sich langsam hinein und hinunter.
Der Pfad ist gewunden, fast schlangenförmig. Er senkt sich ab,
verschwindet teilweise unter dem Geländeniveau.
Der Campus bleibt zurück, Schritt für Schritt. Die Umgebung wird ruhiger, der Blick enger.
Die Bewegung bewusster.
Architektur ist hier kein Objekt, das man umrundet. Sie ist ein Prozess, den man durchläuft.
Die Wege verschlingen sich miteinander, nähern sich an, trennen sich wieder.
Es gibt keine klare Achse, keinen direkten Blick zum Ziel. Man darf sich ein wenig verlieren.
Die Wände bestehen aus geformtem Stahl. Roh, geschwungen, fast wie natürliches Gestein.
Kein glatter Industriecharakter, vielmehr etwas Ursprüngliches, Einhüllendes.
Der Stahl ist Teil dieser Idee. Er besteht größtenteils aus recyceltem Material
mit erneuerbarer Energie hergestellt.
Und er darf altern.
Durch kontrollierte Korrosion entwickelt sich mit der Zeit eine warme, dunkle Patina.
Der Ort verändert sich. Er wird mit den Jahren ruhiger, erdiger.
Kurz vor dem inneren Raum verengt sich der Weg. Ein niedriger,
gewölbter Übergang. Ein bewusster Schwellenmoment.
Man geht leicht gebückt, automatisch langsamer. Der Körper spürt,
dass hier etwas wechselt.
Dann öffnet sich der Raum. Ein kreisförmiger Ort, halboffen,
nach oben zum Himmel hin geöffnet.
Licht fällt ein, gefiltert, weich.
Regen, Luft und Geräusche dringen ein, ohne den Raum zu stören.
In der Mitte steht ein großer Gong. Seine Töne breiten sich aus,
werden von den Stahlbänden zurückgeworfen, überlagern sich, verklingen.
Zwei halbkreisförmige Steinbänke fassen den Raum. Platz für eine Person, vielleicht zwei.
Kein Aufenthaltsraum im klassischen Sinn, eher ein Ort zum Verweilen.
Über dem Raum spannt sich ein handgehämmertes Mandala aus Messing, gefertigt in Indien.
Es bricht das Licht, lenkt den Blick nach oben, ohne ihn festzuhalten.
Auch entlang des Weges ist Klang präsent. In den Boden eingelassene Lautsprecher
erzeugen wechselnde Sequenzen aus Gong- und Flötenklängen.
Sie tauchen auf und verschwinden wieder, verändern sich mit der Bewegung.
Architektur wird hier gesehen, gehört und körperlich wahrgenommen.
Das Retreat liegt in einem grünen Feld in der Nähe von Tadao Andos Konferenzpavillon.
In die Landschaft eingebettet, ein kleiner, intimer Ort, der seine Wirkung erst
entfaltet, wenn man bereit ist, langsam zu werden.
Kapitel 3 Eine andere Form von Nachhaltigkeit.
Der Vitra Campus ist ein Ort, an dem Architektur sichtbar, diskutierbar, vergleichbar wird.
Ein Ort, der bewusst Aufmerksamkeit sucht und erzeugt.
Dass hier ein Ort wie das Doshi Retreat entstanden ist, ist kein Widerspruch. Es ist eine Ergänzung.
Wenn man genauer hinschaut, liegt dieses Bauwerk gar nicht so weit entfernt
von den Themen, die mich in diesem Podcast sonst begleiten. Nachhaltigkeit,
Kreislaufdenken, Suffizienz, Haltung.
Denn das waren hier nie nur technische Fragen. Es ging immer um das Warum hinter dem Wie.
Genau hier setzt dieses Projekt an. Das Doshi Retreat erzählt natürlich keine CO2-Bilanz.
Es erklärt nichts, es argumentiert nicht.
Es erzählt von Zeit, von Wahrnehmung, von Reduktion.
Von langsamem Gehen statt effizientem Durchrauschen Von Material,
das altern darf Von Architektur, die nicht alles kontrollieren will,
sondern etwas zulässt Das ist eine Form von Nachhaltigkeit,
die selten so deutlich spürbar wird Der Vitra Campus erzählt von Form und Innovation
Aber auch von der Frage, wofür Gestaltung eigentlich da ist,
Der laute Teil feiert das Experiment,
der stille Teil erinnert daran, dass Architektur auch Raum für Rückzug,
Konzentration und innere Sammlung schaffen kann.
Dass ich immer wieder gern hierher reise, obwohl es ein längerer Weg ist,
gehört zu dieser Geschichte.
Architektourist heißt auch, sich auf den Weg zu machen, zu Orten,
die man anschaut und erlebt, Zu Bauwerken, die etwas mit einem machen.
Das Doshi Retreat ist so ein Ort.
Das war eine weitere Folge von Bauwerkstimme, dem erzählten Kurzformat von Architektourist.
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Ich bin Alexandra Busch, danke Dir fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Architektourist.
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