Architektourist

Der Podcast für Architektur, Bautechnik und Baukultur - von und mit Alexandra Busch.

#67 Bauwerk.Stimme – Stadttunnel Zürich

Der Weg unter der Stadt

22.01.2026 13 min

Zusammenfassung & Show Notes

Unter den Gleisen des Zürcher Hauptbahnhofs verläuft ein Raum, den man lange nicht brauchte und der heute ganz selbstverständlich genutzt wird: der Stadttunnel Zürich – rund 440 Meter Beton, gebaut für eine Stadtautobahn, die nie kam. Jahrzehntelang lag dieser Tunnel im Untergrund, technisch fertig, politisch überholt, städtebaulich ohne Aufgabe. Erst der Perspektivwechsel brachte ihn zurück ins Licht. Oder genauer: zurück in die Bewegung. Aus einem Relikt der autogerechten Stadt wurde eine zentrale Verbindung für den Radverkehr.

In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von einem Perspektivwechsel in der Stadtplanung und vom Weiterbauen im Bestand. Sichtbarer Beton, klare Geometrie, ruhige Linienführung – der Bestand bleibt lesbar, die Eingriffe sind präzise. Licht, Farbe und Struktur ordnen den Raum, ohne ihn zu dominieren.

Weitere Links:
Stadttunnel Zürich
Stadttunnel Zürich auf Baunetz Wissen
huggenbergerfries Architekten

Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT

Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.

Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.

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Transkript

Du hörst Bauwerkstimme, ein Format von Architektourist. Der Weg unter der Stadt, der Stadttunnel Zürich. Ich komme von der Kasernenstraße. Feierabend, das Fahrrad unter mir, die Stadt noch laut. Autos, Straßenbahn, Stimmen. Ich könnte oben bleiben, mich durch den Verkehr schieben, Ampel für Ampel. Aber ich biege ab. Ich kenne diesen Weg. Ich rolle mit dem Fahrrad die Rampe hinunter, lasse den Lärm hinter mir und tauche unter die Gleise des Zürcher Hauptbahnhofs. Ein paar Meter noch im Halbdunkel, dann öffnet sich der Raum. Der Tunnel nimmt mich auf. Das Geräusch verändert sich sofort. Die Reifen laufen ruhiger, gleichmäßiger. Kein Hupen, kein Bremsen, nur dieses leise Surren, das mein Tempo begleitet. Die Luft ist kühler hier unten, ein bisschen feucht, aber klar. Vor mir zieht sich der Tunnel geradeaus. Lang, ruhig, fast gelassen. Ich weiß, in ein paar Minuten bin ich auf der anderen Seite, Richtung Sihlquai, weiter nach Zürich-West. Das Licht kommt in Wellen, helle Zonen, dann wieder gedämpfter, fast blau. Ich fahre meinen Rhythmus. Rechts die Wand, links die Gegenspur. Ab und zu kommt mir jemand entgegen. Ein anderes Fahrrad, ein kurzer Blick, dann ziehen wir vorbei. Jede und jeder auf der eigenen Linie. Die Wände sind nah genug, um Orientierung zu geben, weit genug, um nicht zu drücken. Beton, überall Beton. Rau, unverstellt, ohne Verkleidung. Er hält sich zurück und ist doch immer da. Trägt den Raum, schützt die Bewegung, lenkt den Blick nach vorn. Nach einer Weile verliere ich das Gefühl für die Länge. Der Tunnel macht keinen Stress. Er drängt nicht, er lässt mich einfach fahren. Dann verändert sich das Licht. Erst kaum merklich, dann deutlich. Es wird heller, wärmer. Der Raum öffnet sich, die Geräusche werden wieder vielfältiger. Ich fahre wieder ins Tageslicht. Stadt, Menschen, Verkehr. Hinter mir liegt ein Weg unter der Stadt, den ich ganz selbstverständlich mit dem Fahrrad genommen habe. Und genau diese Selbstverständlichkeit ist es, die diesen Tunnel besonders macht. Musik. Kapitel 1 – Ein vergessener Raum Dass dieser Weg heute so selbstverständlich ist, war lange nicht vorgesehen. Der Tunnel unter dem Zürcher Hauptbahnhof entstand in einer anderen Zeit. In den 1960er und 1970er Jahren dachte man Stadt vor allem vom Auto her. Zürich plante eine Stadtautobahn, die den Verkehr schnell und leistungsfähig durch die Innenstadt führen sollte. Ein Teil dieser Vision lag unter der Erde, ein Tunnel aus Stahlbeton, gebaut unter dem Gleisfeld, entlang der Sihl, großzügig dimensioniert, auf Durchfluss ausgelegt. Der Beton verkörperte diese Idee. Breite, Höhe und ihre lineare Führung folgten der Logik des motorisierten Verkehrs. Alles war vorbereitet für Geschwindigkeit, für Masse, für Bewegung ohne Aufenthalt. Doch noch während der Bauarbeiten geriet dieses Denken ins Wanken. Kritik an der autozentrierten Stadt wurde lauter. Umwelt- und Lärmbelastung rückten ins Bewusstsein, politische Mehrheiten verschoben sich. Die Stadtautobahn wurde nie fertiggestellt. Zurück blieb ein Raum ohne Aufgabe. Der Tunnel lag im Untergrund, technisch vorhanden, aber ohne Nutzung. Jahrzehntelang blieb er unsichtbar für die Stadt. Bekannt, nur Fachleuten, erhalten aus Sicherheitsgründen, gewartet, aber nicht gebraucht. Eine Infrastrukturreserve, die auf ihre Zeit wartete. Erst viel später änderte sich der Blick. Die Stadt begann, Mobilität neu zu denken. Mit dem Wandel der Verkehrspolitik verschoben sich auch die Maßstäbe. Der Radverkehr gewann an Bedeutung. Wege sollten sicherer, direkter, unabhängiger vom Autoverkehr werden. Plötzlich passte dieser Raum, gerade wegen seiner Dimensionen. Höhe, Weite, Linearität wurden zur Qualität. Der Perspektivwechsel war entscheidend. Der gleiche Raum, die gleiche Konstruktion, das gleiche Material, aber eine völlig neue Lesart. Was einst für schnelle Durchfahrt gedacht war, wurde zur Verbindung. Der Maßstab wurde menschlicher, die Perspektive eine andere. Aus einem Relikt der autogerechten Stadt wurde eine Ressource. Aus einem vergessenen Bauwerk ein Ort mit Zukunft. Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte dieses Bauwerks. Kapitel 2 Den Raum lesen Der Stadttunnel unter dem Zürcher Hauptbahnhof ist lang. Sehr lang. Rund 400 Meter. Geradeaus. Ohne Abzweigungen. Seine Länge zieht den Blick nach vorn. Seine Weite lässt Bewegung zu. Seine Höhe gibt Luft. Wand, Decke und Boden bilden eine durchgehende Hülle. Der Tunnel ist linear, ruhig, monolithisch. Nichts lenkt ab, nichts unterbricht den Raum. Der Bitton zeigt sich unverstellt. Schalungsbilder, Fugen und Oberflächen bleiben sichtbar und machen die Konstruktion lesbar. Gerade diese Klarheit ist seine Stärke. Der Tunnel wurde für Geschwindigkeit gebaut, für Durchfluss und Masse. Heute trägt er eine andere Bewegung. Langsamer, menschlicher, kontrollierter. Der Maßstab verschiebt sich, der Raum bleibt. Der Stahlbeton ordnet, trägt und hält zusammen. Er gibt Orientierung, ohne den Körper einzuengen. Genau diese räumlichen Eigenschaften machen den Tunnel geeignet für eine neue Nutzung. Sie bilden die Grundlage für den Umbau. Mit der Umgestaltung des Stadttunnels beauftragt die Stadt Zürich das Architekturbüro huggenbergerfries. Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist der Bestand. Der Tunnel wird nicht überformt, nicht verkleidet, nicht in einzelne Räume zerlegt. Seine Länge bleibt erhalten, seine Klarheit wird genutzt. Der Beton bleibt sichtbar. Wände, Decken und Stützen zeigen ihre Oberfläche, ihre Fugen, ihre Geschichte. Der Raum erzählt von seiner Entstehung, ohne sie zu kommentieren. Zwei klar geführte Fahrspuren ordnen den Verkehr. Begegnungen finden statt, ohne zu irritieren. Die Bewegung bleibt ruhig selbstverständlich. Licht und Farbe übernehmen dabei eine zentrale Rolle. Entlang der 440 Meter gliedern Deckensegel den Raum. Sie strukturieren die Länge in überschaubare Abschnitte und geben der Bewegung einen Rhythmus. Technik und Beleuchtung fügen sich in diese Struktur ein. Das Licht verteilt sich gleichmäßig, ohne zu blenden. Helle Zonen wechseln mit gedämpfteren Bereichen, die Wahrnehmung bleibt konstant. Orientierung entsteht im Fahren, nicht durch Erklären. Der Beton tritt dabei bewusst zurück, er bleibt präsent, aber nicht dominant. Er reflektiert das Licht, trägt die Farben und hält den Raum zusammen. Bodenmarkierungen und grafische Elemente unterstützen die Orientierung, ohne den Raum zu überlagern. Sicherheit entsteht hier durch Übersicht, Wiederholung und klare Führung. Etwa auf halber Strecke verändert sich der Raum. Die lineare Bewegung weitet sich, der Tunnel öffnet sich zur Fahrradstation hin. Dieser Einschnitt setzt einen bewussten Akzent. Er unterbricht den Rhythmus, ohne ihn zu stören. Der Raum bekommt einen Mittelpunkt, einen Orientierungspunkt im Untergrund. Die Fahrradstation ist in den Bestand eingeschnitten und klar vom Fahrraum getrennt. Reihen von Fahrradständern ordnen den Raum übersichtlich und nutzen die vorhandene Struktur effizient. Unterschiedliche Stellplätze berücksichtigen verschiedene Fahrradtypen. Insgesamt finden hier über 1200 Fahrräder Platz. Schließfächer und Nebenfunktionen sind in die Tunnelwände integriert. Nichts steht im Weg, nichts wirkt nachträglich hinzugefügt. Alt und Neu bleiben unterscheidbar, wirken aber zusammen. Hier verlangsamt sich die Bewegung. Fahrräder werden abgestellt, Wege kreuzen sich, Alltag trifft Infrastruktur. Danach zieht der Raum wieder an. Die Linie setzt sich fort, der Tunnel übernimmt erneut die Führung. Die Eingriffe bleiben im Hintergrund, ihre Wirkung ist unmittelbar spürbar. Der Raum funktioniert, weil er ruhig bleibt. Der Stadttunnel wird so zu einem Ort, der Bewegung nicht inszeniert, sondern ermöglicht. Ein Raum, der ganz selbstverständlich genutzt wird und genau darin seine Qualität zeigt. Kapitel 3 Teil eines Netzes. Heute wird der Stadttunnel genutzt, jeden Tag, zu jeder Uhrzeit. Menschen fahren hindurch auf dem Weg zur Arbeit, zur Bahn, nach Hause. Sie rollen hinein, tauchen unter die Stadt, kommen auf der anderen Seite wieder ans Licht. Für viele ist dieser Weg längst Routine. Der Tunnel funktioniert dabei nicht als solitär. Er ist eingebunden. Rampen führen ins städtische Wegennetz. Neue unterirdische Zugänge verbinden ihn direkt mit dem Hauptbahnhof. Wer hier unterwegs ist, wechselt mühelos zwischen Fahrrad und Zug, zwischen Untergrund und Stadt. Wege verkürzen sich, Bewegungen greifen ineinander. Zugleich ist der Stadttunnel Teil eines größeren Zusammenhangs. Er gehört zu einem übergeordneten Radverkehrsnetz und verbindet die Wege in der Stadt mit denen in der Region. Was hier unter dem Hauptbahnhof beginnt oder endet, setzt sich oberirdisch fort. Der Tunnel wird zum Knotenpunkt. Er verbindet Stadtteile miteinander und verknüpft die Stadt mit ihrem Umland. Während ich wieder ans Tageslicht fahre, fügt sich mein Weg nahtlos in dieses Netz ein. Kein Bruch, kein Umweg. Der Tunnel liegt hinter mir, aber er wirkt weiter. Gerade darin zeigt sich die Qualität dieses Ortes. Der Raum will nicht auffallen. Er will genutzt werden. Alles ist darauf ausgelegt, Bewegung zu ermöglichen, Übergänge zu erleichtern und bestehende Strukturen weiterzudenken. Der Stadttunnel macht sichtbar, wie viel Potenzial im Vorhandenen liegt. Was einst für eine andere Nutzung gedacht war, erfüllt heute eine neue Aufgabe. Weiterbauen bedeutet hier, Ressourcen zu schonen, Abbruch zu vermeiden und vorhandene Räume neu zu aktivieren. Der Stadttunnel Zürich steht damit für einen selbstverständlichen Umgang mit dem Bestand. Er zeigt, wie sich Infrastruktur weiterentwickeln lässt, ohne ständig Neues zu bauen. Still, effizient, alltagstauglich. Und vielleicht ist genau das sein größter Wert, dass man ihn nutzt, ohne darüber nachzudenken und erst später merkt, dass er genau deshalb so gut funktioniert. Das war eine weitere Folge von Bauwerkstimme, dem erzählten Kurzformat von Architektourist. Wenn dir diese Folge gefallen hat, empfiehlt sie gern weiter oder lass eine Bewertung da bei Spotify oder Apple Podcasts. Ich bin Alexandra Busch, danke dir fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Architektourist.

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