#66 Bauwerk.Stimme – Deutsches Architekturmuseum in Frankfurt am Main
Das Haus im Haus
15.01.2026 11 min
Zusammenfassung & Show Notes
Eine neoklassizistische Villa aus dem Jahr 1912 am Schaumainkai, fest verankert im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Von außen unaufgeregt, fast selbstverständlich und doch verbirgt sich hinter dieser historischen Hülle eines der radikalsten architektonischen Denkmodelle der Postmoderne: das Deutsche Architekturmuseum.
Zwischen 1979 und 1984 verwandelte Oswald Mathias Ungers die historische Villa in eines der ersten explizit für Architektur konzipierten Museen weltweit. Durch radikale Entkernung und das berühmte „Haus-im-Haus“-Prinzip entstand ein Bauwerk, das Architektur als autonome Disziplin begreift – streng, geometrisch, kompromisslos. Die historische Hülle wurde zum Rahmen, das Innere zum permanenten Exponat.
Doch auch ein Denkgebäude altert. Zu heiß im Sommer, zu kalt im Winter, technisch am Limit. Zwischen 2021 und 2025 wurde das DAM daher grundlegend saniert mit dem Anspruch größtmöglicher Zurückhaltung. Alles sollte so wirken, als wäre nichts geschehen.
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von einer Sanierung, die im Hintergrund bleibt, von unsichtbaren Eingriffen, technischer Präzision und der Frage, wie sich die Persönlichkeit eines architektonischen Manifests bewahren lässt, während man es für die Zukunft rüstet.
Weitere Links:
Deutsches Architekturmuseum Frankfurt
Wiedereröffnung DAM 2025 auf BauNetz.de
Sanierung DAM, Rittmannsperger Architekten
Ungers und das Haus-im-Haus-Prinzip
Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT
Zwischen 1979 und 1984 verwandelte Oswald Mathias Ungers die historische Villa in eines der ersten explizit für Architektur konzipierten Museen weltweit. Durch radikale Entkernung und das berühmte „Haus-im-Haus“-Prinzip entstand ein Bauwerk, das Architektur als autonome Disziplin begreift – streng, geometrisch, kompromisslos. Die historische Hülle wurde zum Rahmen, das Innere zum permanenten Exponat.
Doch auch ein Denkgebäude altert. Zu heiß im Sommer, zu kalt im Winter, technisch am Limit. Zwischen 2021 und 2025 wurde das DAM daher grundlegend saniert mit dem Anspruch größtmöglicher Zurückhaltung. Alles sollte so wirken, als wäre nichts geschehen.
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich von einer Sanierung, die im Hintergrund bleibt, von unsichtbaren Eingriffen, technischer Präzision und der Frage, wie sich die Persönlichkeit eines architektonischen Manifests bewahren lässt, während man es für die Zukunft rüstet.
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Sanierung DAM, Rittmannsperger Architekten
Ungers und das Haus-im-Haus-Prinzip
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Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.
Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
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Transkript
Du hörst Bauwerkstimme, ein Format von Architektourist.
Das Haus im Haus, das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main.
Schau, mein Kai, Frankfurter Museumsufer, Sachsenhausen Nord.
Eine Villa im wilhelminischen Stil von 1912. Ein Doppelhaus,
fest im Stadtraum verankert.
Sandstein, Symmetrie, unaufgeregt, fast selbstverständlich.
Erst Jahrzehnte später wird dieses Haus zu dem, was es heute ist,
das Deutsche Architekturmuseum.
Anfang der 1980er Jahre greift Oswald Matthias Ungers in die bestehende Villa ein.
Radikal im Denken, zurückhaltend im äußeren Bild.
Im Inneren entsteht ein zweites Haus, streng gefügt geometrisch,
abstrakt, ein Haus im Haus.
Die historische Hülle bleibt und wird zum Rahmen. Architektur betrachtet sich selbst.
Ungers entwirft dieses Gebäude als Denkmodell, als gebautes Argument,
als Exponat architektonischer Idee.
Ein Haus, das von Beginn an mehr sein wollte als Hülle, mehr als Behälter, mehr als Bühne.
Ein Gebäude, das Architektur zeigt und sie zugleich reflektiert.
Zwischen 2021 und 2025 wurde dieses Haus grundlegend saniert.
Technisch, energetisch, der Anspruch der Sanierung ist Zurückhaltung.
Alles soll so aussehen, als wäre nichts passiert.
In dieser Folge von Bauwerkstimme geht es um dieses Weiterbauen im Hintergrund
und um die Frage, wie man die Persönlichkeit eines Gebäudes bewahrt,
während man es für die Zukunft rüstet.
Kapitel 1 – Ein Haus über Architektur
Das Deutsche Architekturmuseum entsteht zwischen 1979 und 1984.
Formal als Umbau, gedanklich als Neubau.
Eine neoklassizistische Villa aus dem Jahr 1912 dient als Ausgangspunkt.
Doch von ihr bleibt am Ende kaum mehr als die äußere Hülle.
Oswald Matthias Ungers und der damalige Gründungsdirektor Heinrich Klotz lassen
das Gebäude radikal entkernen.
Stuck und Putz verschwinden. Nur die Umfassungsmauern bleiben stehen.
Was hier entsteht, ist kein Museum im klassischen Sinn. Kein neutraler Container. Kein White Cube.
Dieses Haus will selbst sprechen.
Es gilt als einer der ersten explizit für Architektur konzipierten Museumsbauten weltweit.
Nicht nur, weil hier Architektur ausgestellt wird, sondern weil das Gebäude
selbst zur Ausstellung wird.
Im Inneren implantiert Ungers ein abstraktes Stahlglas-Skelett. Ein Haus im Haus.
Im Zentrum steht die sogenannte Urhütte. Ein stilisiertes, geometrisch gefasstes Urhaus.
Architektur reduziert auf ihre Grundform. Dieses innere Haus ist kein Raumangebot.
Es ist eine Denkfigur, ein permanentes Exponat.
Die historische Villa wird dabei zum Rahmen. Der Sandsteinsockel hebt sie wie
eine Vitrine vom Stadtraum ab.
Das Signal ist eindeutig. Dieses Gebäude ist selbst zu betrachten.
Ungers folgt einem klaren Prinzip. Schicht um Schicht, Maßstab um Maßstab, Zimmer, Haus, Stadt.
Wie bei einer russischen Matrjoschka greifen die Ebenen ineinander.
Architektur wird als zusammenhängendes System lesbar.
Ungers Architektur kennt keine Ironie, keine spielerischen Zitate,
keine versöhnlichen Gesten.
Sein Werkzeug ist die Geometrie, das Quadrat.
So konsequent, dass es selbst die unbequemen Stühle im Auditorium bestimmt.
Architektur als autonome Disziplin. Mit eigenen Regeln, eigener Logik, eigener Strenge.
Dieses Haus will nicht gefallen. Es will verstanden werden.
Das Deutsche Architekturmuseum ist damit ein gebautes Paradoxon.
Ein postmodernes Manifest in einer historischen Hülle.
Es ist Ungers gebaute Antwort auf die Frage, wie Architektur als selbstständige
Kunstform existieren kann.
Damit zwingt er die Besucherinnen und Besucher, das Haus selbst als erste und
wichtigste Ausstellung zu begreifen.
Und genau diese kompromisslose Haltung macht es bis heute so besonders.
Das Deutsche Architekturmuseum ist als Denkgebäude entworfen.
Aber es ist zugleich ein Arbeitsort, ein Museum, ein Ort für Ausstellungen,
Gespräche, Diskussionen.
Und wie jedes Haus, das intensiv genutzt wird, beginnt auch dieses irgendwann zu ermüden.
Die Jahre gehen ins Land, die Technik altert, die Anforderungen verändern sich.
Im Sommer wird es zu heiß, im Winter zu kalt, das Klima schwankt.
Nicht nur für die Menschen, die das Haus besuchen oder hier arbeiten, auch für die Exponate.
Was als radikale architektonische Setzung begann, gerät zunehmend in Konflikt mit dem Alltag.
Mit Normen, mit Sicherheitsanforderungen, mit energetischen Fragen.
Das Haus bleibt geistig klar, aber physisch stößt es an Grenzen.
Und gerade die kompromisslose Architektur macht Veränderungen schwierig,
denn hier ist nichts beiläufig.
Jede Linie ist gesetzt, jedes Maß ist Teil eines Systems, jeder Eingriff eine potenzielle Störung.
Schon 2010 wird erstmals saniert, doch die grundsätzlichen Probleme bleiben.
Das Haus arbeitet weiter. Ausstellungen, Debatten, Preise. Aber es arbeitet unter Spannung.
Irgendwann lässt sich das nicht mehr übergehen. Im September 2021 schließt das
Museum erneut, diesmal für mehrere Jahre.
Die Ausstellung zieht ins Interim, das Gebäude bleibt zurück.
Und mit ihm eine zentrale Frage.
Wie saniert man ein Gebäude, das selbst ein Exponat ist?
Wie erneuert man Technik, ohne die Ordnung zu stören?
Wie verbessert man Komfort und Klima, ohne den Ungers-Kosmos zu beschädigen?
Das Deutsche Architekturmuseum stand vor einer Aufgabe, die viele ikonische
Bauten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen.
Es musste sich verändern, um bleiben zu können.
Und genau hier beginnt der schwierigste Teil dieser Geschichte.
Denn die kommende Sanierung durfte nicht sichtbar sein. Aber sie musste tief greifen.
Kapitel 3 Unsichtbar erneuert.
Im Herbst 2021 schließt das Deutsche Architekturmuseum seine Türen.
Das Haus wird behandelt wie ein Baudenkmal von höchstem Rang,
wie ein barockes Schloss.
Jede Maßnahme wird abgewogen, jeder Eingriff diskutiert.
Verantwortlich für die Sanierung ist das Darmstädter Büro Rittmannsperger Architekten,
spezialisiert auf bedeutende Baudenkmäler und auf die Kunst,
sich als Planer zurückzunehmen.
Jede Maßnahme erfolgt in enger Abstimmung mit der Tochter von Oswald Matthias
Ungers Auch aus urheberrechtlicher Verantwortung heraus Damit die architektonische
Haltung von 1984 nicht verwischt,
nicht überformt, nicht neu interpretiert wird Hinter der vertrauten Erscheinung
wird das Haus dennoch grundlegend erneuert Sämtliche Fenster und Glasdächer
werden ausgetauscht Dachflächen und Außenwände gedämmt,
Endlich werden die extremen Temperaturschwankungen behoben, die das Gebäude
über Jahre geprägt haben.
Ein technisches Detail steht exemplarisch für diesen Ansatz.
Zum ersten Mal kommt in einem deutschen Museum eine Sonnenschutzverglasung mit
sogenannten Microshades zum Einsatz.
Eine prismatische Folie im Glas, die Licht hineinlässt und Hitze reflektiert.
Ohne Vorhänge, ohne sichtbare Verschattung.
Auch der Brandschutz verlangt neue Lösungen. Die frühere Entfluchtung über das
benachbarte Filmmuseum ist nicht mehr möglich.
Ein neuer Fluchttunnel wird gebaut, versteckt, technisch aufwendig und für die
Besucherinnen und Besucher unsichtbar.
Dazu kommt eine vollständig neue Infrastruktur. Moderne Ausstellungstechnik,
schnelles WLAN, ein Haus, das wieder arbeiten kann.
Für Kuratorinnen und Kuratoren, für Vermittlung, für den Betrieb.
Dreieinhalb Jahre dauert der Bau, fast zehn Jahre der gesamte Prozess.
Währenddessen zieht das Museum ins Ostend. Ein Interim, pragmatisch vorübergehend.
Am 1. Juni 2025 kehrt das DAM zurück an den Schaumann-Kai, pünktlich zum 41-Jährigen Bestehen.
Die Innenhöfe im Erdgeschoss werden wieder geöffnet und begrünt,
neue Ausstellungen markieren den Neustart. Das Café nimmt den Betrieb wieder auf.
Von außen wirkt alles vertraut, fast unverändert. Und genau darin liegt die
Leistung dieser Sanierung.
Ein Haus, das seine Persönlichkeit bewahrt hat und nun bereit ist,
wieder gedacht, genutzt und gelesen zu werden.
Das war eine weitere Folge von Bauwerkstimme, dem erzählten Kurzformat von Architektourist.
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Ich bin Alexandra Busch, danke Dir fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Architektourist.
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