#65 Bauwerk.Stimme – Mehrzweckhalle Ingerkingen
Weiterbauen im Dorf
08.01.2026 10 min
Zusammenfassung & Show Notes
Ingerkingen, ein Ortsteil der Gemeinde Schemmerhofen südwestlich von Ulm. Kein Architektur-Hotspot, kein touristisches Ziel und doch steht hier ein Bauwerk, das exemplarisch zeigt, wie viel Zukunft im Bestand steckt.
Die Mehrzweckhalle aus dem Jahr 1964 war über Jahrzehnte ein selbstverständlicher Teil des Dorflebens: Schulsport, Vereinsabende, Feste, Versammlungen. Mit den Jahren wurde sie sanierungsbedürftig – technisch, energetisch und funktional. Die Gemeinde stellte sich einer Frage, die viele Orte heute umtreibt: Abriss oder Weiterbauen?
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich die Geschichte einer bewussten Entscheidung für den Erhalt. Das Stuttgarter Büro Atelier Kaiser Shen entwickelte ein Konzept des Weiterbauens, bei dem rund 60 Prozent der bestehenden Bausubstanz erhalten blieben. Fundamente, Bodenplatte, Decken und massive Wände wurden zum konstruktiven Rückgrat eines neuen Ganzen. Ein präzise entwickeltes Holztragwerk, eine nach außen versetzte Südfassade und ein weit auskragendes Dach öffnen die Halle heute zum Festplatz und machen ihre Transformation räumlich erfahrbar.
Die Mehrzweckhalle Ingerkingen ist heute ein Haus ohne Rückseite – offen zum Dorf, zum Schulhof, zur Feuerwehr. Ein alltägliches Gebäude, das zeigt, dass Baukultur nicht laut sein muss, um wirksam zu sein.
Im November 2025 wurde das Projekt mit dem Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur ausgezeichnet.
Weitere Links:
Projekt Mehrzweckhalle Ingerkingen auf der Webseite von Atelier Kaiser Shen
Mehrzweckhalle Ingerkingen bei BauNetz Wissen
Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025 – Projektvorstellung
Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT
Die Mehrzweckhalle aus dem Jahr 1964 war über Jahrzehnte ein selbstverständlicher Teil des Dorflebens: Schulsport, Vereinsabende, Feste, Versammlungen. Mit den Jahren wurde sie sanierungsbedürftig – technisch, energetisch und funktional. Die Gemeinde stellte sich einer Frage, die viele Orte heute umtreibt: Abriss oder Weiterbauen?
In dieser Folge von Bauwerk.Stimme erzähle ich die Geschichte einer bewussten Entscheidung für den Erhalt. Das Stuttgarter Büro Atelier Kaiser Shen entwickelte ein Konzept des Weiterbauens, bei dem rund 60 Prozent der bestehenden Bausubstanz erhalten blieben. Fundamente, Bodenplatte, Decken und massive Wände wurden zum konstruktiven Rückgrat eines neuen Ganzen. Ein präzise entwickeltes Holztragwerk, eine nach außen versetzte Südfassade und ein weit auskragendes Dach öffnen die Halle heute zum Festplatz und machen ihre Transformation räumlich erfahrbar.
Die Mehrzweckhalle Ingerkingen ist heute ein Haus ohne Rückseite – offen zum Dorf, zum Schulhof, zur Feuerwehr. Ein alltägliches Gebäude, das zeigt, dass Baukultur nicht laut sein muss, um wirksam zu sein.
Im November 2025 wurde das Projekt mit dem Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur ausgezeichnet.
Weitere Links:
Projekt Mehrzweckhalle Ingerkingen auf der Webseite von Atelier Kaiser Shen
Mehrzweckhalle Ingerkingen bei BauNetz Wissen
Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025 – Projektvorstellung
Coverbild: KI-generiert mit ChatGPT
Der Podcast:
Architektourist bietet eine Hörreise durch unsere gebaute Umwelt. In jeder Episode nehmen wir Euch mit in die Welt der Architektur und Baustoffe, erkunden kreative Anwendungen und tauchen ein in die Geschichten hinter den Bauprojekten – von der ersten Skizze bis zur fertigen Umsetzung.
Seid bei der nächsten Folge wieder dabei, wenn wir weitere spannende Projekte und Persönlichkeiten aus der Welt des Bauens vorstellen. Wenn Euch die Episode gefallen hat, abonniert Architektourist bei Eurem bevorzugten Podcast-Anbieter.
Ihr habt Fragen oder Vorschläge? Wir freuen uns auf Eure Nachrichten unter kontakt@architektourist.de.
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Transkript
Du hörst Bauwerkstimme. Ein Format von Architektourist.
Weiterbauen im Dorf. Die Mehrzweckhalle in Ingerkingen.
Ingerkingen. Ein Ortsteil der Gemeinde Schemmerhofen, südwestlich von Ulm.
Kein touristisches Ziel, kein Architektur-Hotspot. Ein Dorf wie viele in Deutschland.
Ein paar Straßen, ein Schulhof, die Feuerwehr um die Ecke und eine Mehrzweckhalle.
Seit über 60 Jahren steht sie hier, gebaut in den 1960er Jahren.
Schulsport am Vormittag, Vereinstraining am Abend. Ein Ort, an dem man sich
trifft und an dem man sich kennt.
Die Halle war nie spektakulär. Sie war einfach da, verlässlich,
funktional, ein Stück Alltag.
Mit den Jahren wurde die Halle älter, technisch überhobt, energetisch schwierig.
Und irgendwann stand die Frage im Raum, die viele Gemeinden kennen.
Sanieren oder abreißen?
Was tun mit einem Gebäude, das in die Jahre gekommen ist, aber voller Erinnerungen steckt?
Heute, viele Jahre später, trägt genau
diese Mehrzweckhalle den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025.
Kein Neubau, aber auch keine bloße Reparatur, sondern ein weitergebautes Haus
mit klarer Haltung und mit Geschichte.
In dieser Folge von Bauwerkstimme geht es um genau dieses Weiterbauen.
Um eine Halle, die zeigt, was möglich wird, wenn man Bestehendes ernst nimmt.
Kapitel 1 – Eine offene Frage,
Die Mehrzwerkhalle in Ingerkingen stammt aus dem Jahr 1964.
Über sechs Jahrzehnte Alltag liegen in ihren Wänden.
Feste, Versammlungen, Aufführungen. Ein Haus für viele Zwecke und für viele Menschen.
Doch die Jahre hatten Spuren hinterlassen. Technisch war die Halle überholt,
Und funktional entsprach sie nicht mehr den heutigen Anforderungen.
Und auch architektonisch war klar, so konnte es nicht einfach weitergehen.
Aktuelle DIN-Normen für eine Einfeld-Sporthalle mussten erfüllt werden.
Gebäudeenergiegesetz, Wärmepumpe, Photovoltaik, all das spielte plötzlich eine Rolle.
Die Frage war nicht mehr, ob etwas passieren musste, sondern wie.
Im Jahr 2020 schrieb die Gemeinde Schemmerhofen einen Wettbewerb aus und liest
dabei eine entscheidende Frage bewusst offen.
Abriss oder Erhalt?
Kein vorgezeichneter Weg, keine ideologische Vorgabe, nur die Bereitschaft,
sich wirklich mit dem Ort auseinanderzusetzen.
Ein Neubau hätte Freiheit versprochen, neue Grundrisse, neue Konstruktionen,
ein klarer Schnitt. Aber er hätte auch bedeutet, alles zu verlieren, was bereits da war.
Die im Beton gebundene Energie, die Erinnerungen, die Selbstverständlichkeit
dieses Ortes im Alltag der Gemeinde.
Denn die Mehrzweckhalle war kein austauschbarer Zweckbau.
Sie war ein sozialer Ankerpunkt, ein Haus, das zum Dorf gehörte.
Das Stuttgarter Architekturbüro Atelier Kaiser Shen entschieden sich für einen
anderen Weg aus Überzeugung.
Sie lesen den Bestand als Ressource, als konstruktives Rückgrat,
als Ausgangspunkt für etwas Neues.
Rund 60% der ursprünglichen Bausubstanz konnten erhalten werden.
Fundamente, Bodenplatte, Decken, die massiven Wände im nördlichen Teil.
Die Halle blieb und sie durfte sich verändern. durch Sanierung,
durch Erweiterung, durch eine andere architektonische Sprache in eine neue Ästhetik überführt.
Man kann sich diesen Prozess vorstellen wie die Reparatur einer alten Porzellanschüssel.
Nicht unsichtbar, nicht perfekt, die Bruchstellen bleiben lesbar.
Und genau darin entsteht etwas Neues, eine andere Schönheit,
eine andere Wertigkeit.
Kapitel 2 Weiterbauen als Entwurfsstrategie.
Weiterbauen beginnt nicht mit einer Form, es beginnt mit genauem Hinsehen.
Atelier Kaiser Shen haben den Bestand zunächst gelesen, Schicht für Schicht.
Fundamente wurden freigelegt, Decken geprüft, Lastreserven berechnet.
Dabei zeigte sich, die Konstruktion aus dem Jahr 1964 war robuster,
als es alte Pläne vermuten ließen.
Die Decken dicker, die Tragfähigkeit größer. Der Bestand erwies sich als Chance.
Aus dieser Analyse entwickelte sich das neue Tragwerk, eine direkte Antwort
auf das Vorhandene. Die neu entwickelten Rahmen aus Brettschichtholz folgen
exakt dem Achsraster der bestehenden Stahlbetonstützen.
Der Rhythmus des Bestandes gibt den Takt vor. Er bleibt das konstruktive Rückgrat.
Alt und Neu greifen ineinander, konstruktiv, präzise.
Das Holztragwerk arbeitet mit dem Bestand. Es ist ein hybrides System,
ein interaktives Gefüge.
Ein Teil der Vertikallasten bleibt im bestehenden Baukörper,
ein anderer Teil wird gezielt in neue südliche Fundamente geleitet.
Alle Horizontallasten werden aufgenommen, neu verteilt, abgeführt.
So entsteht ein Gleichgewicht.
Um den Raum zeitgemäß nutzbar zu machen, wurde die Südfassade verschoben.
Sie rückt nach außen, schafft mehr Fläche, öffnet das Gebäude.
Eine große Glasfassade verbindet die Halle mit dem Festplatz.
Das weit auskragende Pultdach spannt sich darüber, schützt und schafft einen
überdachten Außenraum, in dem Innen und Außen ineinander übergehen dürfen.
Im Inneren bleibt alles ehrlich.
Das Holz ist sichtbar, tragend, prägend.
Technische Einbauten werden nicht versteckt. Sie sind sichtbar geführt und Teil
der Architektur, Teil der Erzählung.
Die Bauphasen bleiben ablesbar. Der massive verputzte Bestand,
die leichte Hinterlüfte der Holzfassade, der Aufstockung. Alt und Neu erzählen
gemeinsam die Geschichte dieses Hauses, über sechs Jahrzehnte hinweg.
Dieses Weiterbauen ist ein respektvoller Dialog, wie ein alter Baum,
dessen Stamm und Wurzeln tragen, während ein leichtes neues Gerüst Raum für
weiteres Wachstum schafft.
Kapitel 3 Ein Haus ohne Rückseite.
Im November 2025 wurde die Mehrzweckhalle in Ingerkingen mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis
Architektur ausgezeichnet.
Die Preisverleihung fand in der Bundeskunsthalle in Bonn statt.
Ein feierlicher Rahmen, ein großer Ort und doch erzählt diese Auszeichnung von
etwas sehr Bodenständigem.
Die Jury würdigt das Projekt als herausragendes Beispiel für ein Weiterbauen
im Sinne des Gemeinwohls.
Die Halle war über Jahrzehnte ein sozialer Treffpunkt der Gemeinde,
ein Ort, der genutzt wurde und gebraucht wird.
Heute ist sie es wieder, vielleicht sogar mehr denn je.
Die Jury spricht von wenigen, aber gut gesetzten Eingriffen.
Vom Dialog zwischen dem massiven Bestand und der neuen, leichten Holzkonstruktion.
Aus diesem Dialog entsteht eine spannungsreiche Silhouette, eine Architektur,
die ihre Geschichte nicht verbirgt.
Besonders deutlich wird das in der Art, wie sich das Gebäude öffnet.
Zum Festplatz im Süden, zum Schulhof im Westen, zur Feuerwehr im Norden.
Ein Haus ohne Rückseite, von allen Seiten ansprechbar, Teil des Alltags.
Professor Amandus Samsøe Sattler bringt es in der Jurybegründung auf einen einfachen Satz.
Architektur muss nicht laut sein, um wirksam zu sein.
Vielleicht liegt genau hier die Bedeutung dieses Projekts. Denn Ingerkingen steht nicht allein.
Tausende Mehrzweckhallen aus den 1960er Jahren prägen Städte und Gemeinden in ganz Deutschland.
Unspektakulär, oft übersehen und voller Ressourcen.
Diese Halle zeigt, was möglich ist, wenn man den Bestand als Rückgrat begreift.
Wenn Transformation kein Bruch mit der Geschichte ist, sondern eine gestalterische Entscheidung.
Das war eine weitere Folge von Bauwerkstimme, dem erzählten Kurzformat von Architektourist.
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Ich bin Alexandra Busch. Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Architektourist.
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